Alles was ich sein sollte…

Ich sollte ein Mädchen sein, das gerne Mädchen ist. Eine Frau, die Männer liebt. Ein einzigartiges Individuum, das seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat und wie ein Puzzle Teil perfekt in die Welt passt. Kein Randstück, kein Eckstück, kein andersfarbiges Teil. Ein zartes, angepasstes, kleines Irgendwas, das perfekt hinein passt. Aber bitte mit Wiedererkennungswert!! Denn wir sind Individuen, keine Gleichungen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es angeblich in Ordnung ist man selbst zu sein- so lange es nicht zu sehr man selbst ist.

Ich sollte Ideen haben und Visionen, Pläne und Ziele.  Fliegen, doch am Boden geblieben. Keiner fragt mich, ob ich Höhenangst habe. Oder Angst vor Turbulenzen. Wie soll ich springen, wenn doch ein Teil von mir an den Zügeln gehalten wird? Wie ein Zirkuselefant, der, nach Jahren in Gefangenschaft, noch immer versucht seinen freien Fuß aus der Fessel zu ziehen.

Ich sollte die Welt in einem Tag retten wollen. Ohne auch nur mit einem Kratzer zurück zu kommen. Rein sein und sauber. Unbeschmutzt, unschuldig. Mit den naiven Augen eines Kindes, doch gleichzeitig mit den starken Füßen eines Wanderers. Ich sollte mich ausschließlich vegan ernähren, aber Fleisch sollte ich dennoch mögen! Mit den Tieren auf Augenhöhe kommunizieren, um sie danach zu verspeisen.

Ich sollte in Größe 34 passen, aber Kurven haben, zwei Hände voller Brüste, einen Spalt zwischen meinen Oberschenkeln, einen flachen Bauch mit viel Gelüste! Keinen Höcker auf  meiner Nase und reine Haut. Doch ich sollte mich nicht schminken, soll natürlich sein. Ein Mädchen zum Pferde stehlen, ohne dabei Pferde zu stehlen, die Drecksarbeit machen, ohne dabei dreckig zu werden! Soll schön sein, doch perfekt sein darf ich auch nicht. Alles Strebt nach Perfektion, doch man selbst sollte es ja nicht.

Wir kommen als Individuen auf die Welt, wo wir geschliffen und geschnitten werden. Erziehung nennt sich die moderne Art von Folter und die Gesellschaft ist der Täter. Ohne, dass wir es merken, sollten wir plötzlich jemand anderer sein. Hinabgestiegen in das Reich der Toten, ohne am dritten Tage wieder aufzuerstehen. Denn da draußen ist keine Welt für Lebende, weil nur tote Fische mit dem Strom schwimmen! Warum haben so viele Angst vor dem Tot, wenn noch das Leben so beängstigend ist? Doch vielleicht wird alles viel leichter, wenn ich eines Tages mutig bin, spring, keine Furcht habe und mich hingebe. Hinnehme, was da ist und nicht hinterfrage, was klar ist.

Bis zu diesem Tag, an dem wir loslassen und lernen zu sagen „ich bin.. “ und nicht  „ich sollte sein..“. Denn „Das hier .. ist alles was ich bin, nicht alles was ich sein sollte.“ Ich bin nicht irgendein Puzzleteil, so klein. Ein zartes angepasstes Irgendwas, das perfekt hineinpasst.

Ich will nicht immer in Größe 34 passen müssen und Burger mag ich auch nicht. Manchmal will ich tanzen und frei sein, das ist meine Pflicht. Manchmal strebe ich nach Perfektion und manchmal wage ich es nicht… zu sagen, was ich denke.

Und ich habe Angst, Herzklopfen, viel zu viel Gedankenmatsch, auf und ab rennen, nicht schlafen können. Alles was ich bin und was ich immer sein werde, ist nicht nur eine funktionierende fleißige Maschine in menschlicher Gestalt, die vor Produktivität nur so strotzt. Ich kann nicht jeden Tag so leben, als wäre er der Letzte und nicht jede Nacht so tanzen, als wäre sie die Einzige. Ich kann nicht immer lieben und lernen. Und manchmal wage ich es ganz leise, mich auszuruhen und nichts zu tun. Denn manche Tage sind zum Pausieren und manche Nächte zum Regenerieren.

Doch auch wenn mein Körper manchmal stehen bleibt, mein Herz wird weiter schlagen und meine Gedanken weiter rasen. Meine Fehler werde ich trotzdem machen und wild sein werde ich auch. Und Kind sein werde ich auch. Ich will kein toter Fisch sein, der sich treiben lässt. Ich will stolpern und wieder aufstehen. Ich will leben und alles geben. Ich will lieben und manchmal hassen. Ich will schweben. Nicht als Engel der Toten, sondern vor Glück, weil wir hier sind und weil wir wir sind. Weil es an der Zeit ist wieder auf zu stehen.

Ich bin kein Lebensretter und kein Superheld. Kratzer bekomm‘ ich schon allein vom Radfahren und naiv bin ich schon lange nicht mehr. Ich bin keine professionelle Tänzerin, sondern Tagträumerin, in den Fesseln meiner eigenen Erwartungen. Stehe kurz vor dem Kampf mit meinem stärksten Feind. Mir Selbst. Doch ich bin hier und ich bin genug, denn alles was ich bin, ist auch lebendig!

Gastautorin: Susanna

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