Bachelor of Sleep, Master of Applications

7 Uhr. Noch einmal umdrehen. Den Wecker auf Snooze stellen. Das Leben verfluchen. Aufstehen, Kaffee kochen, sich anziehen. Nach einem kurzen Frühstück seine Schlüssel in die Tasche werfen. Raus in die Kälte. Aufbruch in die Arbeit.

So sieht der typische Start in den Tag aus – jedenfalls für den Großteil der Deutschen. Ich aber gehöre nicht dazu. Jedenfalls noch nicht. Ich habe den „Luxus“, so lange schlafen zu können, wie ich möchte. Pancakes an einem Mittwoch? Kein Problem, schließlich wartet auch an diesem Tag nichts Wichtiges auf mich. Wenn mich Freunde fragen, wann ich Zeit für einen Kaffee habe lautet meine Antwort: immer.

Doch glücklich bin ich mit diesem Leben nicht. Sicherlich werden mich jetzt einige von euch beneiden und sich fragen, was ist eigentlich dein Problem? Und genau das Gleiche frage ich mich ja auch…was ist mein Problem?

Pause. Zurückspulen –  genau genommen circa drei Monate. Es ist Sommer, in die Uni verirren sich inzwischen immer weniger Studenten, nur noch die, die es müssen. Ich bin eine davon. Ich muss oder soll meine Bachelorarbeit schreiben. Für mich an sich keine allzu schwere Aufgabe. Schließlich mag ich das Thema meiner Arbeit, es interessiert mich und ich habe das Glück, einen schlauen und verständnisvollen Professor gefunden zu haben. Rückblickend muss ich sagen, es war eine schöne Zeit. Ich hatte genug zu tun, um mich nützlich zu fühlen. Abends verbrachte ich meine Zeit beim Grillen mit Freunden oder entspannt am See. Die Balance hat einfach gestimmt zwischen Freizeit und Arbeit. Da war diese innere Zufriedenheit und die Gewissheit, etwas Sinnvolles zu tun? Warum ich all das erzähle? Weil genau das mein Problem ist. Jetzt habe ich eben nichts zu tun. Ich befinde mich in einem Art Limbus, Gefangen im Sumpf aus zu viel Zeit.

Klar, nach der Abgabe meiner Arbeit war ich vier Wochen in Kalifornien. So wichtig war mir diese Reise, monatelang habe ich darauf hingespart, Stunden auf Messen geschoben, jeder Cent floss in den Trip. Und das war es auch wert. Orte wurden entdeckt, Momente erlebt und Sachen gesehen, die ich nie vergessen werde. Nach drei Jahren Studium konnte ich endlich abschalten, mich gehen lassen und wusste: das habe ich mir verdient. Doch weniger bewusst war mir das „Danach“. Immer in der Annahme, nichts passiert ohne Grund und ich werde meinen Weg gehen… Woran ich übrigens immer noch glaube. Doch so einfach ist es eben nicht. Ist man tatsächlich offen für all das Neue, was da nach dem Studium auf einen wartet oder trauert man unterbewusst über das, was einmal war? Ich dachte, ich bin anders. Offen. Spontan. Tatsächlich habe ich mich aber nach meiner Rückkehr aus den USA verlaufen in meinen Ansprüchen und Wünschen. In den Ansprüchen an mich selbst. Das wir uns richtig verstehen, ums Geld ging es mir noch nie. Aber ich möchte etwas tun, das mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert und das Tag für Tag. Immer hab ich mir geschworen: meinen ersten Job, den mache ich aus Leidenschaft!

In der ersten Zeit der Jobsuche strotze ich geradezu vor Motivation. Eine Absage? Kein Problem, das liegt doch nicht an mir. Zwei, drei, vier, fünf….dreißig Absagen und zwei Monate später. Von meinem Elan, Bewerbungen zu schreiben, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Täglich checke ich mehrfach meine Mails, um festzustellen, dass ich a) keine neuen Mails bekommen habe oder b) eine weitere anonyme Antwort von einem Human-Ressources-Team bekommen habe. Besser gesagt von ihrem automatischen Verteiler. Ganz ehrlich, da stumpft man ab. Das entzieht einem jedes Selbstwertgefühl. Wenn ich jetzt schreibe, dass ich eine Bereicherung für ein Unternehmen bin, glaub ich das selbst kaum noch.

Natürlich weiß ich, dass es Leute gibt, die schon viel länger nach einem Job suchen als ich. Trotzdem bin ich wütend. Wütend darüber, dass drei Jahre Studium und ein Bachelorabschluss scheinbar nichts wert sein sollen. Bin stinksauer darüber, dass es seit dem Mindestlohn nicht einmal mehr Praktikumsplätze gibt, auf die man sich als Absolvent bewerben kann. Wir nehmen nur Pflichtpraktikanten, heißt es dann. Was am Ende bleibt? Langzeitarbeitslose verstehe ich inzwischen besser. Denn der Mensch muss gebraucht werden. Wem das verwehrt wird, der geht ein wie eine welke Sonnenblume. Verlorene Talente, verborgenes Wissen, verschenkte Ideen.

Bald ist Weihnachten. In zwei Wochen habe ich ein Vorstellungsgespräch für ein Praktikum bei einem großen Unternehmen. Ich habe mich ehrlich gefreut über diese positive Rückmeldung. Aber gleichzeitig ist da auch die Angst, abgelehnt zu werden. Der Industrie und der Politik würde ich gerne sagen: gebt jungen Menschen eine Chance. Erwartet keine eierlegende Wollmichsau. Jemand, der fünf Sprachen spricht, einen Einserschnitt hat und auch noch sympathisch ist, findet man nicht an jeder Ecke. Und schafft mehr Juniorstellen. Denn wo und wann soll man zwei bis drei Jahre Berufserfahrung sammeln? Deutschland braucht Realisten. Realistisch gehe auch ich inzwischen an die Jobsuche. Wenn es gut läuft, rutsche ich in einigen Monaten irgendwie in eine feste Stelle. Und wenn nicht, dann heißt es wohl weiter geduldig sein, lächeln und das Ausschlafen genießen, solange ich es noch kann.

Gastautorin: Tiziana Hoell

8 thoughts on “Bachelor of Sleep, Master of Applications

  1. Ich habe Nun fast jeden post durch gelesen und ich bin von jeden einzelnen begeistert. Egal Wer man ist, hier ist für jeden was dabei. Es spricht soviele menschen an Und deckt so ein breites spektrum: ich bin begeistert.👏🏻👍🏻

  2. Was ein toller TEXT! Ich habe vor kurzem MEINEN Master gemacht und bin auch Seit 3 Monaten auf Jobsuche. Leider nicht allzu erfolgreich. Dein Text beschreibt meine Situation zu 100 Prozent.
    Ich drücke dir [ und mir 🙂 ]die Daumen dass wir bald den traumjob FINDEN.

  3. 1,5 Jahre und 70 Bewerbungen später – „Täglich checke ich mehrfach meine Mails, um festzustellen, dass ich a) keine neuen Mails bekommen habe oder b) eine weitere anonyme Antwort von einem Human-Ressources-Team bekommen habe. Besser gesagt von ihrem automatischen Verteiler.“ Das hätten auch Worte von mir sein können!

    Ich bin zwar in der Situation, dass ich einen festen Job habe (und möchte mich in eine andere Stadt wegbewerben), das ändert jedoch nichts daran, dass es mir gefühlstechnisch genauso geht, wie hier beschrieben. Aus mangelndem Elan Bewerbungen zu schreiben, ist bei mir schon ein Trauma geworden. Auch ist es schwierig für Außenstehende sich in diese Situation hineinzufühlen, weil oft hierfür das wirkliche Verständnis fehlt!

    Nun ist ein neues Jahr angebrochen, die Karten sind neu gemischt! Ich hoffe es ist endlich etwas dabei! Man darf nur niemals aufegeben! Irgendwann klappt es! Das muss man sich immer sagen!

    Danke für diesen Text!

  4. Ein toller und sehr wahrer text. ich steckte in einer recht ähnlichen lage. hatte eine banklehre absolviert, mich danach für ein studium entschieden und nach dem bachelor um die 100 bewerbungen geschrieben. es war eine sehr lehrreiche und anstrengende zeit. das größte problem war, dass es innerhalb meines studiums ebenfalls keine pflichtpraktika gab.
    Ich hatte zwar ein freiwilliges Praktikum machen können, aber das reichte auch noch nicht aus um eine vernünftige stelle zu angemessenen bedingungen zu erhalten. Daher entschied ich mich dann nach einem ganzen semester frustration noch meinen master anzuhängen. aktuell arbeite ich als werkstudentin mit der hoffnung, dass ich im aktuellen unternehmen oder auch anderen unternehmen im nachgang eine stelle erhalte. aber ich lernte: manchmal muss man umwege gehen, um das zu erhalten, wonach man sucht.

  5. Ohja, das kenne ich auch nUR zu gut… hAbe zar einen tollen job – möchte aber eine atelle, in der in personal führen kann. Nur leider bekommt man in deutschland keine entsprechende stelLe, wenn man nicht schon personaLführungserfAhrung hat… üBer diesen Widersprich ärgere ich mich total!

  6. Deswegen sind Pflichtpraktika auch so, so wichtig! Hier sehe ich für die FH-Studenten dadurch einen großen Vorteil gegenüber den Uni-Absolventen – wir MÜSSEN, und das ist auch gut so. Nach dem Pflichpraktikum im 5. Semester bleiben ganz viele als Werkstudenten in dieser Stelle und rutschen im Idealfall nach Beendigung des Studiums sogar rein.
    Und selbst, wenn das nicht der Fall ist, muss jeder Student schon zu Studienbegnn wissen – und hier sehe ich die Hochschulen in der Verantwortung, das auch zu übermitteln – das man mit einem Studium allein nix mehr reißen kann. Berufserfahrung ist schon möglich – 2-3 Jahre natürlich schwerlich, aber zumindest gejobbt haben sollte man in seinem Bereich schon.
    Und obwohl ich das so handhabe, habe ich auch unglaublich Angst, keinen Job zu finden, zu dem ich gerne hingehe, wie du oben auch schon schreibst – für den ersten will ich brennen.
    Ich wünsche dir jedenfalls alles Gute – irgenwann wird das schon! 🙂

    Liebe Grüße,
    Kati

    (ps – das man Kommentare nur in Großbuchstaben schreiben kann, ist eher suboptimal, könntet ihr das umstellen? 😉 )

  7. ich habe nur 3 bewerbungen verschickt und hatte bei 2 davon gleich eine zusage.. und das „nur“ mit Berufsausbildung. That’s life sag ich da nur 🙂

  8. vorab: Toller Text !
    Ich kann mich total mit deinen Worten identifizieren. Zwar hatte ich bei der Jobsuche keine Probleme aber dieses Gefühl zu viel Freizeit zu haben und sich unproduktiv zu fühlen kenne ich sehr gut.
    wie war das Vorstellungsgespräch?
    Ich bin jetzt schon absolut begeistert von ‚Zielstreberin‘ und freue mich auf zukünftige Posts!

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