Werbung kennzeichnen? Nö, lieber nicht …

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Vor ein paar Wochen auf einem Event: Ich snappe, male in die untere rechte Ecke mit rot ein „Ad“, suche den Filter aus, und poste es in meine Story. Als ich den zweiten Snap mit genau dieser Kennzeichnung verschönere, schaut mir jemand über die Schulter, fragt was ich da mache. Für meine Erklärung, dass ich versuche, das hier als Werbung zu kennzeichnen, da am gleichen Tag ein gesponserter Blogpost online gegangen sei, und das Event genauso wie mein Snap in dem Moment irgendwie zur Kooperation gehören, ernte ich ein Lachen. „Na, da bist du ja die Einzige hier.“

Es folgt die übliche Diskussion, die mal mehr und mal weniger anregend abläuft, an diesem Tag aber ganz spannend ist, weil ich hier, auf einem Event zwischen vielen Bloggern, versuche, verschiedene Perspektiven in der lange währenden Kennzeichnungsdebatte zu verstehen. Debatte? Denn, dass es verpflichtend ist, ist zwar keine Frage, steht aber doch der, meiner subjektiven Ansicht nach, mehrheitlichen Masse an Influencern gegenüber, die darauf gerne verzichten, und wiederum denen, die sich zurecht über diesen Verzicht beschweren.

Stichwort: Grauzone

Ich verstehe durchaus, dass man schnell mal vergisst, was man da gerade macht. Dass man meistens nicht genau weiß, was man alles kennzeichnen muss – denn was ist mit Events, für die man kein Geld bekommt, die aber im Gegenzug zu Speis, Trank und Networking einen schicken Instagram Post erwarten? Was ist mit den Postings, die man aus Nettigkeit macht, weil man sich mit den Labels oder Agenturen gut versteht, die man von einer vorangegangenen Kooperation kennt? Was ist mit den Kooperationen, die nur auf dem Blog stattfinden und bei denen Blogpost bezahlt wird, die man aber (weil man das eben so macht) auf Instagram und Facebook anteasert, und manchmal die Marke, um die es im Blogpost geht, direkt mit verlinkt? Und dann sind da ja noch die vielen zugesandten Klamotten und sonstigen Goodies …

Ich lasse mir wenig zuschicken, weil ich nicht weiß, wohin damit. Ich wähle lieber gezielt aus, gucke genau, was zu mir passt, als „mit allen mal zusammengearbeitet zu haben“. Und vor allem, neben den utopischen Bergen an Pappmüll: Weil ich keine Lust habe, so viel zu versteuern – denn das kommt bei dem einen oder anderen Goodie noch dazu. Überhaupt die Buchhaltung, das Schätzen des Wertes und das Einkleben von Quittungen wäre mir in größerer Masse schon zu viel bürokratischer Aufwand. Häufig stellt sich mir auch die Frage, ob Blogger, die täglich auf Snapchat Pakete auspacken, überhaupt wissen, dass sie für bestimmten Kram als sogenannten Sachbezug ebenso eine Mehrwertsteuer abführen müssen, und manches damit gar nicht mehr kostenlos ist, sondern den Blogger tatsächlich etwas kostet?

In letzter Zeit ist auffällig, dass vor allem die „Großen“ Instagrammer, die, die von Event zu Event jetten und zwischendurch Pakete auspacken, einen Blog eher der Formalität halber und nicht als Mittelpunkt der Onlinepräsenz, sondern eher wie ein ungeliebtes Haustier halten, die sind, die irgendwann aufhören, das kleine #ad zu benutzen.

Als würde man ab 500k auf Instagram durch ein gold verziertes Tor gehen, hinter dem schöne Frauen in weißen Hippie Kleidern und mit Daniel Wellington Uhren, Fittea und Proteinshakes behängt nur darauf warten, einem den #Sponsored Hashtag abzunehmen und mit heller Stimme zu rufen: „Den brauchst du jetzt nicht mehr! Jetzt passiert hier so viel – du hast jetzt Wichtigeres zu tun, als deine Werbung zu kennzeichnen!“

Schleichwerbung als daily business

Und wie manche Bloggerin schon vermeintlich richtig im Dialog mit sich selbst feststellte: Eigentlich ist es doch egal, ob ich das jetzt kennzeichne oder nicht – ich stehe trotzdem hinter allem und das hier ist meine eigene Meinung. Ich stimme dir zu, das kann schon sein. Die Sache ist nur: Wenn du deinen Lesern von einer Creme vorschwärmst, die ja sooo tolle Haut macht, dafür 1000 Euro einsteckst und das nicht kennzeichnest, ich am nächsten Tag, weil die Creme tatsächlich gut ist und ich sie weiterempfehlen möchte, dann einen unbezahlten Post mache, tatsächlich den Drang verspüre, schreiben zu müssen: #notsponsored #einfachso #weilichesmag. Denn wenn du dich nicht von mir abgrenzt, muss ich mich ja von dir abgrenzen. Und das ist so rum irgendwie der falsche Weg.

Und sehen wir den Tatsachen mal ins Augen: Du kennzeichnest nicht, weil dann streng genommen 98 von 100 Postings ein #werbung beinhalten müssten.Weil du die Trauben halt erntest, wie sie auf den Bäumen hängen – und sicher würde niemand Einladungen von Dior, Chanel oder Gucci an die schönsten Orte der Welt ausschlagen. Ich auch nicht. Aber ist Erfolg der Freifahrtsschein auf der Autobahn namens Schleichwerbung?

Im Studium habe ich gelernt:

„Nach dem Telemediengesetz (§ 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG) ist Schleichwerbung verboten, denn die sogenannte „kommerzielle Kommunikation“ muss deutlich als solche erkennbar sein. Auch nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (§ 4 Nr. 3 UWG) sind verschleierte geschäftliche Handlungen mit Werbecharakter unzulässig.“

Dabei ist nach Meinungen von Juristen das kleine #ad, kurz für Adverstisement, dass sich gerne mal zwischen einer Menge an Hashtags versteckt, auf Instagram nicht mehr ausreichend, da nicht deutlich als Werbung erkennbar. Ich habe davon gelesen und alle meine Instagram Posts editiert: Statt #sponsored oder #ad steht da jetzt #werbung.

Während ich das hier so tippe, fühle ich mich müde belächelt von den großen Instagram Größen, á la „Welch sinnfreie Diskussion. Müsste ja eh jedem klar sein, was wir hier machen“.

Nein, ich glaube: Das ist es nicht. Denn da gibt es noch einen wichtigen Faktor, einen den wir nicht vergessen dürfen, der mir vor allem klar wird, wenn ich mir bei YouTube das Alter meiner Zielgruppe ausspucken lasse:

Verantwortung & Vorbildfunktion

Es geht nicht nur darum, was man in Deutschland so zwischen Steuer zahlen, Werbung kennzeichnen und in die Rentenkasse einzahlen „machen sollte“, sondern auch, welche Vorbildfunktion und Verantwortung man gegenüber seiner Zielgruppe hat.

Wenn man den Fernseher einschaltet, weiß man, dass GZSZ zwischen 20.08 und 20.14 von einem Werbeblock unterbrochen wird. Da muss nicht daneben stehen, dass diese Spots nicht zum Programm gehören. Durch das Aufwachsen mit dem Fernsehen sind wir es so schon früh gewohnt gewesen, Werbung von redaktionellen Inhalten zu trennen.

Bei Blogs war das allerdings nicht so – auf Blogs fand man Werbung meist unbezahlt – Produkte, die einfach weiterzuempfehlen waren.

Früher war bloggen: Ich habe so viel Kreativität in mir, die raus muss. Ich will Herzblut in etwas stecken, ich will online auf einer kleinen Seite ein Zuhause haben, das 100% ich ist. Ich will schreiben und meine Meinung sagen, ich will inspirieren und inspiriert werden.

Inzwischen haben Firmen da Kooperationspotential erkannt, stellen immer größere Budgets bereit und ich freue mich über jede Anfrage, die ich bekomme, lache über absurde „Blogpost gegen Gutschein“-Deals, beobachte, wie meine Zahlen immer weiter wachsen und gehe gerne Kooperationen ein, die zu mir passen, hinter denen ich stehe – und die ich dann kennzeichne. Denn nur so kann ich mir meine Authentizität bewahren.

Aber, wenn ich kurz inne halte, stellt sich mir immer wieder die Frage: Könnte mein 14-jähriges Ich ungekennzeichnete Instagram Werbung und -Reisen einordnen und klar von der Realität trennen, so wie den Werbeblock bei GZSZ?

Ich bin niemand, der ständig die „früher war alles besser“-Keule schwingt. Ich bin niemand, der sich groß umschaut oder vergleicht: Denn ich bin dankbar, aktuell hiervon leben und mir neue Standbeine und Perspektiven mit dem Blog im Rücken aufbauen zu können. Aber ich bin jemand, der es schade findet, mit Menschen, die sich nicht an Regeln halten, in einen Topf geworfen zu werden.

Also egal, ob du jetzt nicht kennzeichnest, weil es ohne schöner aussieht, weil die Marke es nicht will, weil du es nicht besser weißt oder weil du es schlichtweg vergisst und kennzeichnen nicht als sonderlich wichtig erachtest – es macht leider die Authentizität einer Branche kaputt, die für ehrliche Meinungen, nahbare Reviews und Bloggen aus Leidenschaft stand. Vielleicht versuchst du es also demnächst dann doch einmal. Das mit diesem Kennzeichnen. Oder liest dir das Telemediengesetz durch.

Bloggerin mit Schreiberherz, sieht die Welt am liebsten durch den Sucher ihrer Kamera. Teilzeit-Studentin, Vollzeit-Serienjunkie, immer auf der Suche nach neuer Inspiration und unheilbar an Fernweh erkrankt. Redet viel buntes, träumt in schwarz-weiß, will am Meer leben und ganz alt werden – aber nie erwachsen.

4 thoughts on “Werbung kennzeichnen? Nö, lieber nicht …

  1. Ein ganz WUnDERBARER bEITRAG!
    Der vergleich, denn du da anstellst finde ich sehr gut. Ich denke es hapert da auf vielen Seiten. Unwissende Blogger, unwissende Leser, unwissende Firmen und die, denen das zu Anstrengend ist oder die da aus X Gründen Sagen, dass sie das nicht nötig haben oder Machen wollen.
    Ich finde es liegt auch in der Pflicht der Firmen den Blogger/Influencer darauf hinzuweisen, dass er seine Werbung kennzeichnen muss. Es sollte eigentlich sogar in deren Interesse sein, dass es gekennzeichnet wird. Ich meine Ernsthaft? Am schlimmsten sind die Anfragen, bei denen einem verboten wird das ganze zu Kennzeichnen. Ich meine wie kann das sein? Warum machen renommierte Firmen solche Aktionen?
    Bisher habe ich Snapchat ehrlich gesagt total vernachlässigt und bin daher auch noch nicht in die kennzeichnungspflicht gekommen dabei. Aber ich finde es gut, dass du Kennzeichnest! 🙂
    Mach weiter so!

    xx Vie
    von http://www.viejola.de

  2. Hey Luisa, ich muss dir wirklich ein Kompliment für deine Sprache und den Text ausprechen. Sehr gelungen! Der Inhalt ist einfach sher gut auf den Punkt gebracht. Der Satz: „Häufig stellt sich mir auch die Frage, ob Blogger, die täglich auf Snapchat Pakete auspacken, überhaupt wissen, dass sie für bestimmten Kram als sogenannten Sachbezug ebenso eine Mehrwertsteuer abführen müssen…“ Ich denke, dass wissen 98% der Fame-Blogger nicht. Leider!

  3. Liebe Luise,

    ich bin dir sehr dankbar, dass du diesen Post veröffentlicht hast, denn ich habe von Zeit zu Zeit das gefühl, dass viele Blogger/Youtuber/“Influencer“ sich mit diesem Thema gar nicht wirklich auseinandersetzen wollen. Ich Kann leider Youtube-Videos einfach nicht ernst nehmen, in denen Personen nur noch von Event zu Event hüpfen, einen Artikel nach dem anderen Bewerben und dabei jegliche Authentizität verlieren. Warum ist das so? Wann ist das Dasein als „Influencer“ zu einem ernst
    zu nehmenden Beruf geworden? Und wann ist Youtube zu einer reinen Werbeplattform verkommen,
    auf der Kinder und Jugendliche, die die Mehrzahl der Zuschauer ausmachen,
    schamlos ausgenutzt werden?
    Und du hast ganz Recht: als 14-Jährige ist man kaum in der Lage, Schleichwerbung für ein Produkt von der „Empfehlung“ eines Idols, das fast wie eine gute Freundin anmutet, zu differenzieren.

    Ich hoffe sehr, dass sich die Gesetzgebung dahingehend ändern wird und der Schleichwerbung / Ausnutzung derjenigen,
    die es nicht besser wissen, ein Riegel vorgeschoben wird.

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