Die Zahl auf der Waage

Beweise allen, dass sie falsch lagen

„SPECKI FOREVER!!!“, dröhnt der immer wiederkehrende Chorgesang aus der Sportumkleide der Jungs nach Ende der Sportstunde. Einige Mädels in unserer Umkleide senken den Kopf, ziehen sich weiter um. Andere verkneifen sich das Lachen und drehen sich weg. Weg von mir. Denn ich bin „Specki“. Wie ich den Spitznamen damals in der fünften Klasse bekam – keine Ahnung. Aber ich weiß warum. Denn etwas kräftig war ich schon immer, seit ich denken kann eigentlich. Ich selbst fand das nie schlimm, hatte Freunde und war nie eine Außenseiterin. Doch irgendwann wurde es unangenehm. Sobald es ein paar Jungs auf mich abgesehen hatten, wurde es schlimmer. Für sie war es nur ein Witz, ein kleiner Spaß. „War ich denn wirklich so dick? Nein, alles ok. Du gehst bald auf eine neue Schule, da wird alles besser.“

War es dann auch. Bis zum Abi war alles super. Ich hatte gute Freunde und meinen ersten festen Freund gefunden. Wurde nie als Dicke, Fette etc. bezeichnet, zumindest nicht in meinem Beisein und mein Gewicht machte mir überhaupt keine Probleme. Dachte ich zumindest. Denkt man nämlich nicht drüber nach, gelangt es auch nicht ins Bewusstsein. Und warum hätte ich mir auch Gedanken machen sollen? Alles war gut.

Die bittere Wahrheit

Bis ich eines Tages bei meiner Frauenärztin auf die Waage ging – 96 kg. Schock! „Da müssen Sie was dran ändern. Sie sind doch noch so jung.“ Ja klar, mach ich. Hatte ich auch echt vor. Nur wie das dann so läuft. Bis zum 2. Semester meines Bachelorstudiums passierte da nichts. Doch so langsam fiel es mir dann doch auch selbst auf. Schöne, sexy Kleidung an mir? Fehlanzeige! Bei Fragen meiner Freunde, ob ich mit ins Schwimmbad, an den See oder zum Beachvolleyball kommen möchte, verneinte ich stets. Ich war mir selbst peinlich. Nicht nur, dass ich noch mehr an Gewicht zugelegt hatte, mittlerweile zogen sich blutunterlaufene Dehnungsstreifen über meinen Körper und mein Freund fand mich immer weniger attraktiv. Verständlich. Ich konnte nicht mal mehr die Treppen zum Hörsaal im 1.OG steigen, ohne hechelnd oben anzukommen. Mit 21 ist das schon heftig. Das wurde mir klar.

Irgendwann war dann Schluss! Ich sah mich auf Fotos, die ich und mein Freund während eines Ausflugs aufgenommen hatten. Unglaublich! Was tue ich mir nur an? Es machte dieses berühmte „Klick“ in meinem Kopf und zwar gewaltig. Es schlug eher wie eine Bombe direkt vor meinen Augen ein. Ich musste etwas tun und das schnell.

Der Weg ist das Ziel

Ich fing an, zu Hause Sport zu treiben, Workouts über Youtube. Meine Ernährung stellte ich komplett um. Gesund und bewusst essen, das war mein Motto. Und das trug wirklich schnell Früchte. Ich nahm unglaublich viel ab in 2 Jahren. Wie viel kann ich nicht sagen. Denn gewogen habe ich mich bestimmt ein Jahr lang nicht. Da ich nie ein bestimmtes Gewicht erreichen wollte, sondern ein Gefühl. Das Gefühl der Zufriedenheit und des Stolzes. Heute schätze ich, dass ich zwischen 30 und 40 kg verloren hab. Doch die Zahl auf der Waage ist im Endeffekt nicht der springende Punkt, das Nonplusultra oder der Ansporn, der einen antreiben sollte. Das Wichtigste sollte das Warum sein. Warum nehme ich ab? FÜR MICH. Für wen nehme ich ab? FÜR MICH. Nur man selbst zählt. Ich hätte auch plus size bleiben können. Das steht einigen Frauen so gut. Doch mir eben nicht. Ich will da was anderes.

Ganz so einfach ist das dann aber doch nicht. Denn mittlerweile habe ich es wieder etwas schleifen lassen und zugelegt. Solche Zeiten gibt es auch. Ich sehe das jedoch nicht als Misserfolg oder Niederschlag. Das Gute daran ist nämlich, dass ich es mir jetzt nochmal beweisen kann. Und ich werde viel besser sein! Wieder zu hundert Prozent durchstarten und mein Ziel erreichen und vor allem da bleiben. Was mich dabei antreibt –  Specki forever? Nicht mit mir!

Gastautorin: Jenny

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