Du bist besser, als du denkst.

„Sie ist aber auch nicht gerade schön.“, sagte eine Bekannte meiner Freundin zu ihr und schaute mich dabei direkt an. Ich musste einmal schlucken. Bitte WAS hat sie gerade über mich gesagt? Ich kenne sie nur flüchtig, kenne knapp ihren Namen, wir haben noch nie ein Wort gewechselt. Ich war völlig perplex, ja schon fast geschockt von ihrer Aussage über mich, dass ich gar nicht so schnell etwas erwidern konnte. Wie kann sie nur sowas sagen? Ich war bemüht, meine Gesichtszüge zu halten und drehte mich schließlich von ihr weg, wandte mich einer anderen Freundin zu. Bloß nichts anmerken lassen. Es ist nichts passiert. Atmen. Ruhig atmen.

Und mit diesem Satz fing eigentlich alles an. Er spukte wie ein Geist in meinem Kopf herum. Er begleitete mich den Tag über. Ich stand immer öfter vor dem Spiegel. Ich drehte und beobachtete mich von allen Seiten. Und je länger ich mich anschaute, desto weniger gefiel mir was ich sah. Mein Gesicht war unglaublich hässlich, mein Bauch viel zu rund, meine Brüste zu groß und mein Hintern … ja, wo war der eigentlich? Im Gegensatz zu allem anderen nicht vorhanden. Bekam ich jemals Komplimente wegen meines Aussehens? Kein Wunder, dass kein Junge in meiner Klasse mich mag.

Ich kaufte mir zu große Pullover, um meinen Körper zu verstecken und zog lieber den Kopf ein, wenn ich durch eine Menschenmasse ging. Ich glaubte von Tag zu Tag mehr, dass die Bekannte meiner Freundin recht gehabt haben muss. Ich war wirklich verdammt hässlich. Alles an mir war falsch.

Es war fast ein Jahr später, Anfang Mai. Ich saß in der Bahn und beobachtete die anderen Menschen, wie sie ein- und ausstiegen, wie sie den Bahnsteig entlang hetzten, um ihre Bahn nicht zu verpassen. Jeder sah auf seine Art schön aus. Ein Mann trug einen langen schwarzen Ledermantel. Eine etwas korpulentere junge Frau, mit einem unglaublich hübschen Gesicht, ein langes, flatterndes Kleid. Ein Mädchen in meinem Alter neongrüne Schuhe und eine ältere Dame eine gestreifte Brille. Jeder Einzelne war auf seine Art schön und jeder strahlte etwas unglaublich Selbstbewusstes aus. In diesem Moment hat es in meinem Kopf klick gemacht. Ich wollte mich nicht mehr verstecken. Ich bin doch so viel mehr als dieser eine Satz.

Ich verbannte meine zu großen Pullover und fuhr mit meiner Mama shoppen. Bei H&M entdeckte ich eine gepunktete Strumpfhose. Ich habe sie auf Anhieb geliebt und kaufte sie mir schließlich. Lange überlegte ich hin und her, ob ich sie zur Schule tragen sollte, entschied mich schließlich dafür. Ich trug sie zuerst sehr unsicher, weil mich nun doch der eine oder andere anschaute. Bis ich irgendwann merkte, dass es überhaupt nicht schlimm ist. Niemand machte deshalb eine unangebrachte Bemerkung. Als sich das in meinem Kopf gefestigt hatte, hörte ich langsam auf, mich zu verstecken und sagte hier und da mal meine Meinung. Alle waren sichtlich überrascht, dass ich auch mal meinen Mund aufmache und ich bekam sogar des Öfteren Komplimente.

Heute weiß ich, dass dich so viel mehr bin, als ich selber glaubte. Und auch du bist gut so, wie du bist – egal welche Körperstatur, Haarfarbe oder mit welcher Kleidung. Es gibt kein hübsch oder hässlich, denn jeder ist einzigartig und auf seine Weise schön.

Gastautorin: Anna

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