Vergewaltigung – Meine Geschichte

Unsere Gastautorin, die anonym bleiben möchte, hat Schreckliches durchgemacht. Sie hat die Geschichte ihrer Vergewaltigung aufgeschrieben und hilfreiche Tipps und Links zusammengestellt – beides möchte sie hier teilen, weil es wichtig ist, über Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch zu reden. Ihr habt ähnliche Erfahrungen machen müssen und möchtet euch das von der Seele schreiben? Schickt uns eure Texte gern an texte@zielstreberin.de. 

Passiert ist es an Silvester 2014/15. Ich war mit meinen Cousins feiern und da diese weiter weg wohnen, lautete der Plan, dass ich im Anschluss an die Party bei einem meiner Cousins in der Wohnung auf dem Sofa schlafe. Wir hatten einen schönen Abend, haben getrunken und getanzt. Kurz nach 24 Uhr wurde mir dann allerdings schwindelig und da ich grundsätzlich Kreislaufprobleme habe, sagte ich meinem Cousin Bescheid. Einer seiner Freunde bekam das mit und bot an, mich nach Hause zu fahren. Er hatte den Abend über nichts getrunken. Mein Cousin war einverstanden und ich dankbar. Ich ließ mir von meinem Cousin seinen Wohnungsschlüssel geben und sein Freund fuhr mich dort hin. Ich kannte ihn vorher nicht und auch während der Party hatten wir nicht wirklich miteinander gesprochen. Aber er war ein Freund meines Cousins, also dachte ich mir nichts dabei. Während der Fahrt war er sehr ruhig und wir redeten wieder nicht viel. Er erkundigte sich lediglich nach meinen Hobbys. An der Wohnung meines Cousins angekommen, fragte er ob es in Ordnung wäre, wenn er mit rein kommen würde, um kurz die Toilette zu benutzen. Ich stimmte zu.

Er kam mit in die Wohnung und ich steckte von innen schon mal den Schlüssel in die Tür, um nicht zu vergessen, diese abzuschließen wenn er geht. Das wurde mir allerdings zum Verhängnis. Von der Toilette aus ging er zur Tür, doch anstatt sich zu verabschieden und zu gehen, schloss er von innen ab, steckte den Schlüssel in seine Hosentasche und kam auf mich zu. Kurz dachte ich, das Ganze wäre ein Scherz, doch dann bekam ich Panik. Er drückte mich gegen die Wand, versuchte, mich zu küssen und ging mit seiner Hand unter mein Kleid. Ich versuchte, ihn wegzustoßen und seinem Kuss auszuweichen, aber er griff nach mir und dann ging alles total schnell.

Ich lag auf dem Boden, er auf mir drauf. Meine Arme hielt er fest und wenn ich versuchte ihn von mir wegzudrücken, schlug er mich. Ich schrie ihn an, sagte, dass er mich loslassen soll und dass ich das, was er da tut, nicht möchte. Er beleidigte mich, sagte, ich sei eine Hure und dass ich es nicht anders verdient hätte. Ich zitterte am ganzen Körper.

Er zog seine Hose aus, schob mein Kleid hoch und vergewaltigte mich. Er fasste mich überall an, seinen feuchten Atem blies er mir an den Hals und ich hatte das Gefühl, seine Hände gleichzeitig überall an meinem Körper zu spüren. Während er dabei war, legte er beide Hände an meinen Hals und begann, fest zuzudrücken. Ich versuchte wieder und wieder, mich zu wehren, aber er hatte viel mehr Kraft als ich. Durch die fehlende Luft wurde mir schwarz vor Augen…

Als ich wieder zu mir kam, war er weg.

Ich lag immer noch auf dem Boden in der Wohnung meines Cousins. Mir tat alles weh.

Ich stand auf, lief ins Bad, übergab mich dort und ging dann duschen bis kein warmes Wasser mehr aus dem Hahn kam. Ich fühlte mich abartig, dreckig und furchtbar ekelig. Immer noch zitterte ich am ganzen Körper, der überseht war mit blauen Flecken. Ich zog mir meine lange Jogginghose und einen dicken Pulli an und kuschelte mich damit unter die Decke auf das Sofa.

Für mich stand fest: Das war meine Schuld und es ist so unendlich unangenehm, dass ich niemals jemandem etwas davon erzählen würde.

Ein paar Stunden später kam mein Cousin. Ich machte ihm auf, ging aber direkt wieder zurück auf das Sofa, ohne mich groß mit ihm zu unterhalten. Am nächsten Tag fuhr ich nach Hause, als mein Cousin noch schlief, ohne ihm etwas von dem Vorfall erzählt zu haben.

Die nächsten Tage und Wochen ging es mir immer schlechter. Ich aß kaum noch etwas, übergab mich ständig und an Schlaf war nicht zu denken. Nächtelang lag ich wach und wenn ich doch mal schlief, hatte ich furchtbare Albträume. Ich zog mich zurück und ging kaum noch raus. Ich fühlte mich schuldig und wollte auf keinen Fall, dass jemand mitbekommt, was passiert war. Meine Freundin und Arbeitskollegin fing an, sich Sorgen zu machen, ihr waren die blauen Flecken aufgefallen, die ich versucht hatte mit langer Kleidung und einem dicken Schaal zu verdecken. Auch dass ich abgenommen hatte und kaum noch aß, war ihr nicht entgangen. Sie sprach mich öfter darauf an, aber ich dachte mir jedes Mal Ausreden aus, um nicht mit ihr reden zu müssen.

Das wenige Essen und der Stress führten schließlich dazu, dass ich auf der Arbeit einen Kreislaufzusammenbruch hatte. Meine Arbeitskollegin rief den Krankenwagen und begleitete mich ins Krankenhaus. Dort platzte dann alles aus mir heraus. Ich erzählte ihr von der Silvesternacht und sie überredete mich, zusammen mit ihr die Polizei aufzusuchen und Anzeige zu erstatten.

Ein Strafverfahren wurde eingeleitet und im Gerichtstermin wurde derjenige zu einer Haftstrafe verurteilt. Ich hatte Glück, dass er einem Freund von sich stolz erzählt hatte, was passiert war, sodass derjenige als Zeuge vor Gericht gegen ihn aussagte. Ich selber hatte keinerlei Beweise und ohne diese Zeugenaussage wäre er vermutlich freigesprochen worden.
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Ich möchte mit meiner Geschichte niemandem Angst machen. Mein Ziel ist es, die Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren. Niemand kann verhindern, dass so etwas passiert, aber jeder kann das Risiko für sich selbst einschränken.

Im Nachfolgenden habe ich ein paar Tipps zusammengetragen, die ich persönlich für sinnvoll halte.

Um eine Vergewaltigung zu verhindern…

  • nicht abends alleine im Dunkeln draußen herumlaufen
  • lässt es sich nicht vermeiden, währenddessen mit jemandem telefonieren, der für den Notfall weiß, wo ihr gerade seid und die Polizei verständigen kann (Heimwegtelefon)
  • einen Schlüssel in die Hand nehmen und die einzelnen Schlüssel zwischen die Finger klemmen, sodass ihr im Notfall einen Abwehrschlag verstärken könnt
  • nicht mit fremden Leuten mitfahren, lieber ein Taxi rufen oder sich von Eltern/Freunden abholen lassen
  • einen Selbstverteidigungskurs besuchen
  • eine Trillerpfeife am Schlüssel haben, um auf sich aufmerksam machen zu können
  • beim Feiern immer auf die Getränke aufpassen (Stichwort K.O. Tropfen).

Wenn man einer Vergewaltigung oder einem sexuellen Missbrauch zum Opfer gefallen ist…

  • am wichtigsten: SICH JEMANDEM ANVERTRAUEN
  • sich von einem Arzt untersuchen lassen, um Beweise zu sichern, Verletzungen dokumentieren zu lassen (möglichst ohne vorher geduscht zu haben) und sich auf Geschlechtskrankheiten testen zu lassen
    → Es gibt die Möglichkeit, diese Beweise und das Untersuchungsprotokoll hinterlegen zu lassen – falls man sich später entscheidet, doch eine Anzeige zu machen, kann man darauf zurückgreifen
    → Sollten in den Tagen nach der Untersuchung noch weitere Verletzungen auftauchen, wie z.B. blaue Flecke, sollte man nochmal zum Arzt gehen, um diese nachträglich dokumentieren zu lassen.
  • Anzeige erstatten (Das ist sehr wichtig, auch, wenn man das nicht unbedingt machen möchte. Hierbei gilt jedoch: besser spät als nie! Hier könnt ihr mehr zum Thema Verjährungsfristen für Sexualdelikte lesen.)
  • Kleidung, die man während/vor der Vergewaltigung getragen hat, nicht waschen, sondern in Plastiktüten aufbewahren (Auch hier können Spuren des Täters gefunden werden.)
    → Ohne Beweise sieht es mit einer Verurteilung sehr schlecht aus, denn meistens steht dann Aussage gegen Aussage und im Zweifelsfall wird der Angeklagte freigesprochen.
  • um eine Schwangerschaft zu verhindern: es ist definitiv ratsam, sich die Pille danach zu besorgen (rezeptfrei in der Apotheke)
    → Sollte es doch zu einer Schwangerschaft gekommen sein, ist es wichtig, zu wissen, dass die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch im Fall der Vergewaltigung von der Krankenkasse übernommen werden.

Ein zusätzlicher Tipp: Sowohl bei der ärztlichen Untersuchung als auch bei der Polizei besteht die Möglichkeit, darum zu bitten, dass die eigene Adresse nicht in der Verfahrensakte auftaucht, um zu verhindern, dass der Täter durch seinen Anwalt an die Adresse gelangt.

Wichtig zu sagen ist, dass schon „kleine Sachen“ angezeigt werden sollten! Es muss nicht immer gleich eine Vergewaltigung sein, auch ungewollte Berührungen sind sexueller Missbrauch!

Ihr habt eine Freundin, eine Mitschülerin oder Arbeitskollegin, die sich auffällig anders verhält als sonst?
Das sind Anzeichen, die auf sexuellen Missbrauch/eine Vergewaltigungen hindeuten können:

  • deutliche Gewichtsveränderungen
  • häufige starke Müdigkeit
  • krankes Aussehen
  • Verletzungen
  • blaue Flecken
  • Rückzug
  • plötzliche Berührungsängste
  • leichte Reizbarkeit
  • Überempfindlichkeit
  • Sinken von schulischen Leistungen usw.

Anlaufstellen:

www.wildwasser.de

www.weisser-ring.de

www.hilfetelefon.de

www.heimwegtelefon.de

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Ich habe in meiner Geschichte erwähnt, dass ich mir anfangs selbst die Schuld gegeben habe an dem, was passiert ist. Das tue ich mittlerweile nicht mehr und niemand sonst, dem so etwas passiert ist, sollte das tun! Egal was ihr getragen oder was ihr gesagt und gemacht habt, ob ihr euch gewehrt habt oder nicht – ihr seid niemals schuld! Nein heißt nein! Die Schuld liegt allein beim Täter. Und selbst wenn ihr einen Kuss oder auch mehr nicht abgelehnt habt – wenn ihr „Stopp!“ sagt, muss derjenige das akzeptieren, egal was vorher passiert ist!

Ich habe die Schuld lange bei mir gesucht und habe mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, aber das ist der falsche Weg!

Diese Menschen tun das, weil sie ein Problem mit sich selbst haben. Es liegt nicht an euch! Und egal wie sehr ihr euch schämt – redet mit jemandem, nehmt psychologische Hilfe in Anspruch, das ist nichts, wofür man sich schämen braucht. Lasst euch nichts gefallen und sorgt dafür, dass Täter bestraft werden.
– Ihr seid nicht alleine, das verspreche ich euch! –

Und eine Bitte zum Schluss: Geht alle etwas aufmerksamer durch die Welt, schaut nicht weg, wenn es jemandem schlecht geht, fragt nach und wenn derjenige nicht sofort reden will, bleibt dran und gebt demjenigen das Gefühl, dass sich jemand um ihn sorgt. Oben genannte Anzeichen müssen nicht immer ein Zeichen für Missbrauch sein, aber es sind in den meisten Fällen auf jeden Fall Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Passt ein bisschen besser auf eure Mitmenschen auf, vergesst mal dieses Konkurrenzdenken unter uns Mädchen und seid füreinander da. Lasst keine Freundin abends alleine nach Hause gehen. Und passt gut auf euch selbst auf.

Niemand kann verhindern dass so etwas passiert, aber jeder kann die Gefahr einschränken!

Gastautorin: Anonym

Über Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch wird wenig gesprochen. Nur selten wird Anzeige erstattet, weshalb die statistisch erfassten Zahlen nur Anhaltspunkte sind, die Dunkelziffer ist aber eigentlich viel höher. Für mehr Statistiken findet ihr auf dieser Seite zahlreiche Zahlen und „Die 7 wichtigsten Fakten zu sexueller Gewalt“. Reinlesen! 

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