Was man von sich selbst und anderen fordern sollte

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„Ich mache Theater.“ – Ein Satz, für den ich lange gebraucht habe. Denn ich bin jung. Ich gehe noch zur Schule. Trotzdem liebe ich Theater, ich brenne dafür. Die Stunden vor und nach einer Premiere machen süchtig. Im Premierenrausch kann man mal eben barfuß und im Spitzenkleidchen eine Runde durch die Dunkelheit sprinten. Einfach, weil man so viel Energie hat. Ich kann nicht mehr aufzählen, wie viele Nächte meines Lebens ich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, geschlafen habe, weil die Probe zu lang ging und der letzte Bus schon gefahren ist – Hals- und Rückenschmerzen am nächsten Morgen inklusive. Auf meinem Desktop stapeln sich endlose Worddokumente mit Konzeptentwürfen, Requsisitenlisten oder Probenpläne.

Ich bin das Mädchen, das alle mit Theater verbinden. Ich stecke mitten in meiner Herzenssache – komplett, mit Hals, Herz und Verstand.

„Was willst du mal machen?“

Und irgendwann wurde mir klar: Das hier musst du machen. Das hier willst du machen, wenn du mit der Schule fertig bist. Aber die Reaktion anderer Leute auf meine Leidenschaft, ob nun danach gefragt war oder nicht, ist nicht selten negativ. Einerseits kann ich eine ablehnende Haltung verstehen. Natürlich ist Theater immer ein Risiko. Aber es deswegen sein lassen? Ich will nicht etwas deswegen nicht machen, weil es die Möglichkeit gibt, dass es schief geht.

Wenn mir ein Außenstehender sagt, dass meine Leidenschaft unwichtig ist, ich sie nicht verfolgen sollte, weil sie eine brotlose Kunst sei oder dass sie nie mehr als ein halbherziges Hobby sein wird – dann kann ich damit leben. Problematisch wird es, wenn es um mein näheres Umfeld geht. Meine Eltern, meine besten Freunde. Zur Zeit arbeite ich mit meinen Freunden an einem Stück, das wir selbst spielen und inszenieren. Obwohl wir vor Beginn des Projektes die üblichen Grundsatzgespräche geführt haben, um später Konflikte zu vermeiden, begann ich, mich nach ein paar Monaten unwohl zu fühlen. Denn ich hatte das Gefühl, dass ich so unfassbar viel gab und die anderen nicht.

Es war nicht so, als hätte jemand versucht, mich davon abzuhalten, das zu tun, was ich tun wollte. Es war nur so, dass meine Freunde nicht das Gleiche taten wie ich. Aber das war genau das, was ich törichterweise von ihnen erwartet hatte.

„Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart werden.“

Das heißt nicht, dass ich meinen Freunden ihre Leidenschaft absprechen will. Meine Freunde sind nicht so wie ich, sie sind so, wie sie sind. Und das ist gut so. Auch wenn wir an der gleichen Sache arbeiten, dann auf unsere Weise. Das heißt manchmal eben auch, dass ich enttäuscht sein werde oder sogar wütend. Besonders zu Beginn war Wut meistens meine erste Reaktion. Warum machten die anderen nicht genau das, was ich tun würde? Wollten wir nicht das Selbe? Mit Wut zu reagieren, hat mir nichts gebracht. Irgendwann stolperte ich dann über diesen Spruch von Konfuzius. Das hört sich vielleicht erstmal ziemlich negativ an, aber für mich meint der Spruch, dass ich nur von mir selbst genau weiß, wie ich Dinge angehen werde. Ich will, dass unser Theaterprojekt grandios wird. Und meine Freunde wollen auch ein gutes Stück auf die Bühne bringen. Nur ist die logische Schlussfolgerung daraus nicht, dass meine Freunde den gleichen Anspruch an sich haben oder dass ich meinen Anspruch auf sie übertragen könnte. Das zu akzeptieren, ist hart für mich. Besonders weil ich selbst so einen extrem hohen Anspruch an mich habe.

Wenn ich wenig von den anderen erwarte, dann soll das nicht heißen, dass ich Schlechtes von ihnen erwarte. Es soll heißen, dass ich unvoreingenommen sein will. Denn nur so kann ich meinen eigenen Anspruch mit dem der anderen verbinden. Indem ich ich mich auf das Positive konzentriere und das durchziehe. Ich hab viel zu viel Leidenschaft in mir, um meine Energie zu verschenken.

Und manchmal, da passt alles. Wenn meine Freunde mir sagen, dass sie meine Leidenschaft bewundern oder meinen Fleiß oder meinen Ausdauer oder meine Kreativität – dann weiß ich, dass es sich lohnt. Dass ich alles richtig mache. Dass ich ich bin und meine Freunde meine Freunde sind. Dass sich das Kämpfen für einen Traum lohnt und dass meine Freunde für mich da sein werden, selbst wenn sie diesen Traum nicht teilen oder verstehen.

Gastautorin: Emma S.

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