Muss ich immer die Starke sein?

„Für mich bist du immer diese eine Freundin, die ihr Leben so wunderbar im Griff hat. Du bist immer für andere da, immer die starke Schulter. Aber selbst kannst du nicht immer die Starke sein. Du bist auch nur ein Mensch. Das ist einfach eine schreckliche Situation für dich. Du brauchst jemanden, der für dich stark sein kann, lass es doch bitte zu!“

Ich schlucke. Sie hat recht. Immer bin ich für jeden da, versuche es allen Recht zu machen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Meine Freunde lieben mich dafür, dass ich immer ein offenes Ohr habe. Ich versuche, objektiv zu bleiben und als starke Schulter meine eigenen Sorgen zurück zu stellen. Ich liebe meine Freunde dafür, dass ich für sie da sein darf, dass sie mir vertrauen.
Doch was ist mit mir? Was ist, wenn ich plötzlich die bin, die leidet? Was ist, wenn ich nicht mehr stark sein kann? Hilfe annehmen? Darf ich das? Kann ich das?

Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Die Trennung meiner Eltern.
„Natürlich ist es für ein Kind nicht einfach, wenn die Eltern sich entschließen, getrennte Wege zu gehen.“

Ja. Natürlich. Für ein Kind. Aber ein Kind bin ich doch schon lange nicht mehr. Oder? Ich bin erwachsen. Bin gereift, habe Erfahrungen gesammelt, bin gefallen und wieder aufgestanden. Aber da hat sich noch etwas in mir verändert. Ich kann sehen, wie sie leiden. Ich bin alt genug, ihre Schmerzen zu verstehen. Ich bin alt genug, mich verantwortlich zu fühlen. Alt genug, mich hinten an zu stellen. Ich möchte für sie da sein. Mal wieder. Wieder die starke Schulter sein, der Fels in der Brandung.
Doch was ist mit mir? Was ist, wenn ich plötzlich die bin, die leidet? Was ist, wenn ich nicht mehr stark sein kann? Hilfe annehmen? Darf ich das? Kann ich das?

Ja, verdammt!
Ich darf an mich denken, ich darf auch schwache Momente haben und vor allem darf ich Hilfe annehmen. Das ist keine Schande, keine Niederlage oder ein Aufgeben. Das ist Stärke. 
Mittlerweile habe ich erkannt, dass ich für meine Freunde keine Belastung bin. Es ist in Ordnung, wenn auch ich einmal um Hilfe bitte. Wahre Freunde helfen gerne, sind sogar froh, dass man ihnen vertraut. Ja, vielleicht sogar froh, einmal etwas zurückgeben zu dürfen. Dass ich solche Freunde habe, dafür bin ich unendlich dankbar. Immer wollte ich lernen, alles selbst zu schaffen, unabhängig zu sein. Bloß nicht auf andere angewiesen sein, bloß mein eigenes Ding machen. Doch eins habe ich dabei aus den Augen verloren: Verantwortung abzugeben und Hilfe anzunehmen.

Ein Jahr später bin ich ihr wahnsinnig dankbar für diese Nachricht, diesen Weckruf damals. Ich bin immer noch die Starke, immer noch die, die ihr Leben allein auf die Reihe kriegt. Aber ich kann auch wieder laut lachen, endlich. Wenn sie mir ihre Hilfe anbieten, kann ich mich darauf einlassen; versuchen, ihnen zu vertrauen. Ich bin nicht die einzige Starke hier. Meine Freunde sind es auch. Und ja, darauf kann ich mich verlassen. Darauf darf ich mich verlassen. Es lohnt sich. Die Last auf meinen Schultern ist leichter geworden, sie erdrückt mich nicht mehr. Mein Gang ist wieder aufrecht, mein Blick schaut nach vorne, statt sich in den Problemen der Gegenwart zu
verlieren. Und ich kann Hilfe annehmen. Dank ihr.

Es ist ein gutes Gefühl, stark zu sein.
Es ist ein besseres Gefühl, auch schwach sein zu dürfen.

Gastautorin: Lisa

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