Plädoyer für die Stillen Wasser

..oder warum Introvertierte sich nicht unterkriegen lassen sollten

„Über die weiß ich gar nichts.“
„Noch nie was von gehört.“
„Arrogant. Fühlt sich wohl als was besseres.“
„Versteht keinen Spaß. Voll die Spießerin.“
„Mega still. Mh, kann ich nix zu sagen.“

Introvertierte Menschen haben es nicht leicht. Nicht in der Schule. Nicht in der Uni. Und erst recht nicht im Großraumbüro. Wenn man sich die dringende Bitte „Einfach mal die Fresse halten!“ nicht nur zu Herzen nimmt, sondern sie lebt, gilt man schnell als Außenseiter.

Heute müssen alle „LAUT“ können, ungefragt. Sie können es auch alle, so scheint es. Den Schwank aus der Jugend, das überkrasse vergangene Wochenende, was man gerade hinter sich gebracht hat und die ziemlich spektakulären Dinge, die andere machen, über die sich definiert und profiliert wird, sind Themen, die man anschneiden kann, muss man aber nicht. Der alles durchflutende Bullshit der Selbstdarstellung gilt als schicke Voraussetzung für Erfolg.

Gesellschaftlich betrachtet mag die Gabe der Wortgewandtheit auf den ersten Blick überlebensnotwendig sein. Wer viel quatscht, der wird irgendwann zwangsläufig auch gehört. Derjenige existiert, ist somit Teil der Gruppe. Und ist der Mensch nicht ein Herdentier?

Wann wurde uns eigentlich eingetrichtert, wir wären nur unter Vielen richtig glücklich? „Ohne soziale Kontakte gehst du ein wie eine Primel.“ Solche Mutter-Sprüche haben sich eingebrannt in die Hirne der Laberbacken. Der unaufhaltsame Drang nach Anerkennung bei Bekannten, Kollegen und Freunden scheint ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Liebe und Aufmerksamkeit, nach „Fame“. Wenn ich laut bin, dann bin ich wichtig und alle werden sich an mich erinnern. Wenn ich mal nicht da bin, dann wird es allen auffallen. Sie werden mich vermissen. Ich werde unentbehrlich. Ich werde wichtig sein.

Der stille Beobachter hingegen wird nicht vermisst. Nie.

„Der hat ja sowieso nie was gesagt.“
„Über den weiß ich gar nichts. Mega still.“
„Fehlt noch jemand? Nö, glaub’ nicht.“

Woran man merkt, dass man zu dieser raren Spezies „eher der ruhige Typ“ gehört, wird spätestens dann klar, wenn die Kollegen zwar ein paar Euro zum anstehenden Geburtstag einsammeln, eine Standard Karte mit den Worten „Alles Gute!“, „Feier schön!“ und „Lass’ krachen!“ beschriften, aber keine Ahnung haben, welche billigen Süßigkeiten sie dir auf deinen Schreibtisch legen sollen. `Ne Packung „Celebrations“verteilt. Die isst doch jeder gern.

Ruhigen Menschen wird durch das rücksichtslos durchdringende Poltern der Lauten Raum für Kreativität genommen. Wie viel sich aufstaut, wenn die Gedanken und Kommentare durch den Nonsens der Masse im Alltag platt geschwallt werden, lässt sich nicht messen. Die Masse des gespreadeten Bullshits allerdings auch nicht.

Extroverts sind leicht zu durchschauen. Ursprung jedes Schreis nach Aufmerksamkeit ist die Verunsicherung. Im Alltag müssen wir uns alle beweisen. Die einen tun es, die anderen scheißen drauf. Drauf zu scheißen erfordert weit mehr Mut, als den eigenen Gedanken ununterbrochen und ungefiltert freien Lauf zu lassen. Trotzdem müssen wir uns alle mitteilen, denn zu sagen haben wir anscheinend alle etwas, auch wenn wir nicht gefragt wurden.
Doch sollten sich die stillen Wasser nicht unterkriegen lassen. Ihre Zeit wird kommen. Hoffentlich. Wenn sie damit im Reinen sind und akzeptieren, dass sie nicht zur Masse gehören und damit fein sein können. Ohne Groll und in hohem Selbstwert und Selbstbewusstsein.

Distanziertheit, Zurückhaltung, Verschlossenheit, Introversion. Immer noch Tabus in der heutigen Gesellschaft – vornehmlich im Arbeits- und Sozialumfeld. Wer sich einmal mit dem Thema Hypersensibilität auseinandersetzt, wird erkennen, dass er nicht allein damit ist, ein Eigenbrötler zu sein. Warum diese Eigenschaften und Charakterzüge allerdings immer noch als sehr negativ abgestempelt werden, bleibt fraglich und anzuzweifeln. Schön wäre es, würde die Gesellschaft toleranter und steuerte diese eine gesunde Balance zwischen „Extros“ und „Intros“ an. Denn sicher ist: Von stillen Wassern können so einige noch viel lernen.

Was haltet ihr von ruhigen Menschen? Findet ihr sie interessant und würdet gern mehr über
sie erfahren, oder habt ihr im Alltag keine Lust, euch mit ihnen auseinanderzusetzen? Oder
seid ihr selbst auch eher ein stiller Typ, dem es in der Gesellschaft manchmal schwer fällt,
wahrgenommen zu werden?

Gastautorin: Linda Knaak

5 thoughts on “Plädoyer für die Stillen Wasser

  1. Liebe Linda,

    du Hast Diesen Text super geschrieben. 🙂
    ich habe ehrlich gesagt auch mit den Problemen eines introvertierten zu kämpfen. oftmals werde ich Auf meine „stille art“ reduziert. bis vor Ein paar jahren wollte ich Immer zu den extrovertierten und lauten gehören. mittlerweile bin ich jedoch sehr zufrieden mit mir Als introvertierte :))

  2. Ich Bin selbst ein eher introvertierter mensch. Mein liebliNgssatz: silence is better than bullshit.
    Der tExt Könnte meiner meinung nach noch ein bisschen mehr auf die positiven aspekte inteovertierter eingehen. Was macht sie besonders, nicht, was unterscheidet sie von lauten menschen. 😉

  3. Liebe linda, ich gehöre auch zu den stilleren. ich überlege mir zum einen dreimal, ob etwas wirklich gesagt werden muss, zum anderen saugt mir soziale interaktion sehr viel energie ab.
    ich komme damit sehr gut klar, weil ich es akzeptiere, wie es ist – meine freunde glücklicherweise auch. das wünsche ich jedem und stimme dir zu hundert prozent zu, dass unsere gesellschaft das mehr zulassen sollte.
    in einem einzigen punkt jedoch kann ich nicht mit dir mitgehen: du schreibst, dass extrovertierte menschen leicht zu durchschauen sind und es ein „schrei nach aufmerksamkeit“ ist. bei einem teil (ich mag nicht beurteilen, wie gross der ist) mag das sicher zutreffen, aber manche sind einfach so – sie ziehen aus der interaktion ihre energie. ich würde extrovertiertheit nicht als schwäche betrachten.
    über dieses thema und die feinen nuancen zwischen „sich selbst gerne reden hören“ bis hin zu „ich traue mich nicht etwas zu sagen“ könnte man hunderte seiten füllen. ich habe deinen text dazu sehr sehr gerne gelesen!

  4. Vielen Dank für diesen Artikel.

    Ich selbst sehe mich als introvertierte Person, obwohl Freunde und Verwandte dies vermutlich so nicht bestätigen würden. Denn ich bin trotzdem selbstbewusst, stehe zu meiner Meinung und setze mich in einem Job durch, in dem zum großen Teil Männer arbeiten. Auch unterhalten kann man sich (meine ich) gut mit mir. Ich bin keine schüchterne Person.

    Dennoch bin ich eine introvertierte Person. Woran ich das festmache? Ich habe nichts gegen einen Abend mit Freunden, gegen Weggehen oder Unternehmungen. Aber ich merke immer wieder, dass ich mindestens genauso viel Zeit für mich alleine brauche, wie ich mit anderen verbringe, um meine „Batterien“ wieder aufzuladen. Wenn ich ein „vollgepacktes“ Wochenende habe, an dem ich freitagabends mit Freunden koche, samstags zum See fahre und abends etwas trinken gehe, finde ich das schön und spaßig, aber ab einem gewissen Punkt auch anstrengend. Und das hat gar nichts mit den Leuten oder der Aktivität zu tun, sondern mit mir. Ich brauche Zeit für mich. Und nach zwei solchen Tagen wie oben beschrieben muss ich den Sonntag, oder spätestens das darauffolgenden Wochenende, größtenteils alleine verbringen, sonst fühle ich mich unausgeglichen und nicht gut. Ich merke es auch sofort, sobald ich eine Zeit lang zu wenig alleine verbracht habe, dann fühle ich mich irgendwann gestresst.

    Weitere Punkte, an denen ich mein introvertiertes Verhalten festmache: ich muss bei Fremden erst einmal „auftauen“, bis ich wirklich so sein kann, wie ich bin. Und ich hasse Small Talk. Ich hasse es und kann es auch (deshalb?) nicht besonders gut. Ich erzähle Leuten eigentlich immer nur etwas, wenn ich wirklich glaube, es könnte sie interessieren. Und ich unterhalte mich sehr gerne, aber nicht über Belangloses, sondern eher tiefgründigere Themen.

    Früher war es mir sehr unangenehm, vor allem die Sache mit dem Small Talk. Viele verwechseln (wie im Artikel beschrieben wurde) mein Verhalten auch mit Arroganz. Mittlerweile habe ich es aber akzeptiert, ich bin nun mal so wie ich bin und habe aufgehört, zu versuchen, mich zu verstellen (hat sowieso nicht geklappt). Und ehrlich gesagt finde ich ein introvertiertes Verhalten wesentlich gesünder als wenn man nie alleine sein kann oder will.

  5. Liebe Linda,

    deine Art zu schreiben finde ich wirklich gut und einem Teil deines Inhaltes stimme ich definitiv zu: ich finde auch, dass Introverts viel zu oft unterschätzt werden. Haben es extrovertierte Leute im Leben erstmal leichter, wenn es darum geht, soziale Kontakte zu knüpfen, bei der Arbeit oder in der Freizeit aufzufallen? Definitiv. Und sie werden mit sicherheit auch viel mehr gehört als Introvertierte, einfach weil sie lauter sind.

    Du wirst es vermuten, ich bin extrovertiert. Damit genau so auf die Welt gekommen, wie du als introvertierte. Es ist also nicht meine bewusste Entscheidung, „lauter“ zu sein als andere, oder mich in Situationen mit anderen Leuten wohler zu fühlen, als vielleicht der ein oder andere. Was mich enorm an deinem Text stört, ist, dass du alle über einen Kamm ziehst. Zumindest hört es sich für mich so an, da du keinerlei differenzierst. Die Extrovertierten, dass sind die „Lauten“, die ihren „Bullshit der Selbstdarstellung“ in die Welt posaunen, die „Laberbacken“, die „rücksichtslos Polternden“. Das finde ich schon wirklich befremdlich. Vielleicht hast du es nicht so gemeint, nur die Extrembeispiele genannt, das wird allerdings überhaupt nicht in deinem Text deutlich.

    Bin ich dafür, dass man ein Plädoyer für die stillen Wasser halten sollte? klar. Nur vielleicht ohne die andere Seite durchgehend zu beleidigen. Und wenn du für eine Balance zwischen „Intros“ und „Extros“ plädierst, solltest du vielleicht bei dir auch anfangen. Leider empfinde ich den Text überhaupt nicht als Motivation. Das mag daran liegen, dass ich nicht der gewünschte Ansprechpartner bin und vielleicht wird meine Kritik hier dich genau in deiner Meinung bestärken. Für mich liegt Motivation allerdings darin, andere von einer guten Sache zu überzeugen, ohne die andere Seite herabzuwürdigen.

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