Sei nicht fremdbestimmt – bestimme selbst!


„Vielleicht würde es dir helfen, wenn du etwas mehr Initiative ergreifst und dafür weniger wie ein unbeteiligter Zuschauer durch die Weltgeschichte stolperst.“ – Andreas Steinhöfel, Die Mitte der Welt

Warum hast du ihr die Freundschaft gekündigt, wenn du das doch eigentlich nicht wolltest? Warum hast du der Anderen nicht gesagt, dass du nicht egoistisch bist, wenn du eigentlich lieber dein eigenes Glück einfordern würdest anstatt auf das Ihre Rücksicht zu nehmen? Warum hast du nicht gesehen, dass er immer nur nahm und nie gab?

Das sind Fragen, die man sich im Nachhinein leicht vorwerfen lassen kann und auf die man doch immer noch nicht die Antwort weiß. Oder vielleicht doch? Eins ist klar: Auch wenn man sie beantworten kann, dann doch nur vage. Mit Überlegungen, die nie zu Ende geführt wurden und doch eher nach Ausflüchten, als nach Antworten klingen.

Ich habe mich mein Leben lang an dominante Charaktere gehalten.

An Leute, die ich für stark empfand, die mich leiteten, denn das war bequemer, als mir selbst meinen Weg zu bahnen. Es war einfacher, im Nest zu bleiben und sich die Flügel stutzen zu lassen, als raus gestoßen zu werden und fliegen zu lernen. Doch eines habe ich dabei nie in Betracht gezogen und zwar mich selbst zu verlieren. Oder weniger zu verlieren, als mich selbst zu entdecken. Ich habe mir Scheuklappen aufsetzen lassen und sie auch nie hinterfragt, denn die Person an meiner Seite wusste schließlich, was sie tat. Sie war meine Mitte der Welt.

Doch irgendwann ist für jeden die Zeit des Nesthäkchen-Daseins vorbei. Irgendwann wacht man von allein auf oder wird unsanft aus dem Schlaf gerissen. Man steht plötzlich vor Entscheidungen, die man vorher nicht hatte treffen müssen, weil den Job immer jemand für einen übernommen hatte. Ich sollte mich entscheiden, zwischen ihr und ihm. Ihr, die mir ihn weggenommen und mich an sich gebunden hatte. Ihm, den ich zu brauchen glaubte. Ich traf meine Entscheidung, ich entschied mich für ihn und fand doch am Ende jemand ganz Anderen.

„Er hat mir geschrieben, dass er mich küssen will.“ Ich glaubte, mich verhört zu haben. „Und ich würde ihn auch gerne küssen.“, fuhr sie fort. War das eigentlich ihr Ernst? Sie wollte jemanden küssen, den sie gar nicht kannte? Nur ein Mal gesehen hatte und in den ich, ihre beste Freundin, schon seit Wochen verliebt war? Ich war sauer, stürmte aus dem Raum und ignorierte die Stimme, die mich aufforderte, umzukehren, mich nicht so zu haben, ich würde mich sowieso nur an ihn klammern, da ich doch gerade erst jemand Anderen verloren hatte. Wie konnte sie so etwas nur sagen? Meine Gefühle in Frage stellen?

Doch irgendwann drang die Stimme näher an mein Ohr, sie wurde greifbarer und ich frage mich auch immer noch, was mich dazu trieb, aber ich glaubte ihr. Ließ sie gewähren. Ich quälte mich. Tage und Wochen und versuchte, mir ihre Worte immer wieder wie ein Mantra ins Gedächtnis zu rufen. Sie hatte doch das Glück verdient und ich solle ihr dabei doch nicht im Weg stehen. Was wäre ich für eine Freundin, wenn ich das täte? Und ich solle doch einmal bedenken, dass er das Gleiche wollte. Wer bildete ich mir ein, zu sein, jemandem eine Chance zu verwehren, miteinander glücklich zu werden?

Das „Glück“ hielt nur wenige Wochen. Wochen, in denen ich mir erlaubte, meinen Freundeskreis wieder zu erweitern, die Scheuklappen zur Seite zu schieben, jedoch noch nicht abzunehmen. Ich näherte mich einer Freundin wieder an, die ich aufgrund von schlechtem Gewissen meiner besten Freundin gegenüber verlassen hatte und merkte, dass ich mir Schmerz zugestehen durfte. Wochen, in denen mir bewusst wurde wie sehr ich Anderen mit meiner Unselbstständigkeit wehtat, indem ich sie abwies und übel über sie geredet hatte. Wochen, in denen ich zum Rand des Nests getrieben und dazu aufgefordert wurde nicht nur über den Rand, sondern auch meine eigenen Schatten zu springen.

Als es dann vorbei war mit den beiden, wobei ich die ganze Schuld nur bei ihr sah, was ein Fehler war, den ich erst viel später zugab und erkannte, sollte ich mich entscheiden. Sie wollte mich wieder für sich vereinnahmen, jetzt wo sie wieder genügend freie Kapazitäten hatte, die es zu füllen galt. Ich sollte zurück ins Nest kriechen, aus dem ich schon so weit entwichen war, dass es ihr Angst machte. Wenn man vor verändernden Entscheidungen steht, dann ist man leicht dazu geneigt, den einfacheren Weg zu und Hürden zu umgehen. Doch auch, wenn das im ersten Moment verlockend scheint, ist es nicht immer die richtige Wahl. Man sollte sich genügend Zeit nehmen, um die Alternativen, die Pros und die Cons abzuwägen. Denn wenn die Entscheidung einmal gefallen ist, dann gibt es nur selten einen Weg zurück. Natürlich gibt es immer Wege, die man daraufhin einschlagen kann. Viele sogar. Aber man wird vorerst zumindest mit den Konsequenzen leben müssen.

Ich entschied mich gegen sie und für mich.

Ich entschied, dass ich mich lange genug hatte fremd bestimmen lassen und sprang. Das, wovor ich eine so große Angst entwickelt hatte, entpuppte sich als eine Möglichkeit für mich. Die Möglichkeit, mich selbst zu finden und auch, wenn ich noch ganz am Anfang meine Reise stand, fühlte ich mich befreit. Vielleicht noch nicht von allen Fesseln, die ich mir auf dem vorherigen Weg angelegt hatte und auch noch heute trage ich einige davon, aber es werden weniger mit der Zeit.

Nach einigen Monaten und genügend Abstand war ich dazu bereit, sie reden zu lassen, obwohl sie ihre Handlungen sehr zeitnah für sich hatte sprechen lassen. Es gibt einen Satz, den ich wohl nie vergessen werde. Einer, der mir zeigte, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte, auch wenn er nicht einfach war. „Es würde mir nicht leid tun, wenn ich damals wirklich in ihn verliebt gewesen wäre.“ Sie hatte nichts dazu gelernt, nichts reflektiert und sich selbst keine Schuld zugesprochen. Danach sprach ich nur noch mit ihr, wenn es unbedingt nötig war. Ich war nicht mehr dazu bereit, mich reduzieren zu lassen. Dadurch verlor ich Freunde, gewann aber sowohl alte als auch neue hinzu. Menschen, die mich nehmen, wie ich bin, konstruktive Kritik äußern und mir auch mal den Weg zeigen, auch wenn ich mich nicht mehr führen lasse.

Lass dich nicht bestimmen, sondern bestimme selbst.

Lass sie deine Stimme hören und deine Anwesenheit wahrnehmen, auch wenn es unangenehm erscheint. Steh für dich ein und tu, was du für richtig hältst. Nimm Ratschläge an, die dich weiterbringen und ignoriere Meinungen, die niemandem helfen. Und am wichtigsten ist, dass du dir eigene bildest. In einer Welt voller Meinungen ist es wichtig, sich zu behaupten und den eigenen Kopf anzustrengen, damit man selbst im Strom nicht untergeht. Zeig, wer du bist und was du willst, denn du bist genauso wichtig wie die Menschen um dich herum. Egal was Andere sagen, bleib dir treu. Lass dir niemals einreden, dass dein Glück es nicht wert ist, gehört zu werden. Merk dir eins: Du zählst.

„Noch immer glaube ich den Boden unter meinen Füßen schwanken zu spüren, aber ich habe keine Angst mehr davor, zu stürzen. Es ist ein schönes Gefühl. Es ist das Gefühl von Leben in Bewegung.“ – Andreas Steinhöfel, Die Mitte der Welt

Gastautorin: Maria-Louise Nitschke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*