Some people go nowhere fast

Beinahe vier Jahre ist es nun her, dass ich mein Abitur absolvierte, meinen ursprünglichen Wunsch, Journalistin zu werden über den Haufen warf – zu viele Skrupel, zu wenig Ellenbogen, zu Groß der Wunsch, einst Zeit für Familie und Kinder zu haben, zu viel Sorge und Unsicherheit – und plötzlich an dem Punkt stand, vollkommen ahnungslos über den Verlauf meiner Zukunft zu sein.

Ich sah einen Großteil meiner damaligen Mitschüler an mir vorbeirasen – linke Überholspur, mit 180 km/h in einer 100er-Zone. Hauptsache mit 21 den Bachelor in der Tasche. Hauptsache früh im Beruf, Hauptsache gutes Geld. Und ich tuckerte immer noch mit 60 auf der rechten Spur, bemerkte gleich mehrfach, die falsche Route gewählt zu haben und entschied mich 2 Mal wieder für die Abfahrt. Runter von der Geschwindigkeit – erst mal auf einen ruhigen Feldweg, auf dem man sich auch mal trauen kann, nach rechts oder links zu schauen, ohne gleich anhalten zu müssen. Ein Weg, auf dem man Zeit hat, sich zu orientieren. Wo genau bin ich hier grade? Und wo möchte ich hin?

Eine mir bekannte, ältere Dame, welche als Psychologin arbeitete, erzählte mir eines Tages, wie sie zu ihrem Beruf kam. Sie war ihr ganzes Leben lang Hausfrau und Mutter, ohne jemals einen Beruf erlernt zu haben. Eines Tages entschied sie sich dafür, ein Psychologiestudium zu beginnen – da war sie 50. In den anschließenden 30 Jahren arbeitete sie als erfolgreiche Psychologin und liebte jeden Tag, was sie tat. „Es ist nie für etwas zu spät, Olivia“.

Heute kann ich ziemlich sicher sagen, das Studium und den Beruf gefunden zu haben, der zu mir passt und vor allem: den ich aus Herzenslust machen möchte! Ironischerweise ist es genau der Beruf geworden, zu dem mir mein Leben lang ungefähr jeder Mensch geraten hat. Ein Beruf, den ich aber nie in Betracht ziehen wollte. Vielleicht gerade, weil alle anderen es wollten. Auch wenn sie alle jahrelang mit ihren Ratschlägen recht hatten, muss man sowas für sich alleine erkennen – ICH musste es für mich alleine erkennen.

Um den einst so sehr umsorgten Lebenslauf, der von zwei Abbrüchen geziert wird, mache ich mir heute keine Sorgen mehr. Nein, wir leben nicht für unseren Lebenslauf! Im Gegenteil, ich bin froh um jede Erfahrung, die ich gesammelt habe. Wer weiß, ob ich ohne diese zwei Umwege meinen jetzigen Weg gefunden hätte. Mein bisheriger Weg fühlt sich gut an, und zwar genau so, wie er verlaufen ist.

Sie hasst ihr Jura-Studium. Macht es weiter, weil sie nunmal schon so weit ist. Und das Geld halt…
Er hat seinen Bachelor – mit 21. Und weiß jetzt nicht, wohin mit sich.
Sie hat auch ihren Bachelor in BWL. Und heult dem Medizinstudium hinterher.

Sie hasst ihr Jura-Studium. Macht es weiter, weil sie nunmal schon so weit ist. Und das Geld halt… Er hat seinen Bachelor – mit 21. Und weiß jetzt nicht, wohin mit sich. Sie hat auch ihren Bachelor in BWL. Und heult dem Medizinstudium hinterher. „Some people go nowhere fast“ – in diesem Satz, den wahrscheinlich jeder von uns schon auf diversen Instgram- , Pinterest-, Tumblr-Motivationsseite gelesen hat, steckt so viel drin. Natürlich gibt es auch Leute, die unmittelbar nach dem Abitur genau wissen, wo sie hinwollen. Dann los mit euch! Aber wenn nicht, halb so schlimm. Orientiert euch. Schaut nach links und rechts, um Ecken, über Tellerränder hinaus. Macht euch selber glücklich – mit dem, was ihr tut!

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich erneut mit der besagten Psychologin. Sie erzählte mir, dass sie nun – mit über 80 – ihre Praxis, die gleichzeitig ihr Wohnort war, verlassen würde. „Es wird jetzt Zeit für mich, in den Ruhestand zu gehen. Und jetzt baue ich mir ein neues Haus.“

Und jetzt baut sie sich ein neues Haus. Es ist nie für etwas zu spät.

Gastautorin: Olivia

6 thoughts on “Some people go nowhere fast

  1. Liebe Olivia,

    ein schön geschriebener Text! „Es ist nie für etwas zu spät“, eine Erkenntnis, die man sich erst einmal wirklich klar machen muss. Das verfehlen manche, oder machen sie nieder, aus Angst, keine Unterstützung bei ihren neuen Plänen zu bekommen. Auch für mich sind diese Gedanken an Orientierung, die richtige Richtung und Erfüllung in dem, was man im Leben machen will auch derzeit sehr präsent, wo ich doch im Sommer mit meinem Studium fertig werde.
    Wir sollten uns alle einfach mehr selbst zuhören und weniger mit den Laufbahnen anderer vergleichen, irgendwann kommen wir alle an unser Ziel, ob früher oder später, aber wen sollte das denn kümmern außer uns selbst? 🙂

    LG, Josi

    • Liebe Josi,

      vielen lieben Dank für dein Feedback! Du hast absolut recht, mit dem was du sagst! Grade wenn man selber aktuell in der Situation steckt, ist es schwierig, solche Ratschläge anzunehmen. Da ist die Angst zu scheitern etc. oft größer, war bei mir nicht anders! Den einen Schritt zu gehen ist häufig schwer. Aber danach fühlt man sich besser, leichter und vorallem: glücklicher!
      Alles liebe für Dich!
      Olivia

    • Hallo Anna,

      vielen Dank!
      ich studiere mittlerweile Biologie und Germanistik auf Lehramt (Gymnasium). Vorher habe ich Jura und eine medizinische Ausbildung ausprobiert, ist also nun eine komplett andere Richtung 🙂
      Viele Grüße und alles Liebe
      Olivia

  2. Ein wirklich toller Text liebe Olivia! Das Beispiel mit der Überholspur und dem Feldweg ist super gewählt.
    Mir ging es ganz ähnlich. Ich habe vor einem Jahr ein BWL Studium angefangen. Mittlerweile wurde ich zwangsexmatrikuliert und studiere seit diesem Semester Medieninformatik und bin unheimlich glücklich und erfüllt. Es ist so unheimlich wichtig sich darüber klar zu werden was man wirklich will.
    Viel Erfolg in deinem neuem Studium! Es freut mich sehr, dass du Etwas gefunden hast, was dir Spaß macht 🙂

    Liebe Grüße
    Madelaine

    • Liebe Madelaine,

      es freut mich tatsächlich immer riesig zu hören, wenn jemand – wenn auch über Umwege – seinen Weg gefunden hat, auch wenn ich Dich gar nicht kenne 😀 Wahrscheinlich weil ich weiß, wie sehr es einem psychisch zusetzen kann, auf der falschen Spur zu sein.
      Auch Dir weiterhin viel Erfolg und Spaß in deinem Studium und lieben Dank für deinen Kommentar!

      Liebe Grüße
      Olivia

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