Time is now

Neun Monate zuvor:
„Du kannst das Baby auf gar keinen Fall behalten. Wie hast du dir das denn vorgestellt? Du bist ja selbst noch ein Kind.“
„In mir wächst ein Mensch heran, das ist kein Fehler, den man mal eben so ausradieren kann, verstehst du das nicht? Das wäre Mord. Ich werde das Kind nicht für meine Unachtsamkeit zur Verantwortung ziehen.“
„Was weißt du schon von Verantwortung? Verdammt du bist 18 Jahre alt, was willst du ihm denn bieten?“
„Ihr.“
„Was…?“
„Es ist ein Mädchen.“

22.11.1996
„ICH WILL JETZT EINE SPRITZE VERDAMMT NOCH MAL, ICH HALTE DAS NICHT AUS!“
„Ich kann Ihnen keine geben, so schlimm ist es nicht.“
„SO SCHLIMM IST ES NICHT? WOLLEN SIE MICH VERARSCHEN? Ach ja genau, sie sind ja in der Position, das beurteilen zu können. SCHMERZHAFTER WIRD ES NICHT MEHR!“
„Jetzt halten sie doch endlich den Mund! Und 1,2,3… Pressen!“
„VERDAMMTE SCHEIßE!“
Ich werde geboren. Perspektivlos mein Label.

22.11.1997
„Du musst dich von ihm scheiden lassen. Er ist eine Gefährdung für das Kind! Wie viele Knochen muss er dir noch brechen bis du das kapierst?“
„Das musst du gerade sagen. Dein Mann ist ein Säufer. Er war eine Gefährdung für uns. Versuch nicht, deine Fehler durch mich wieder auszubügeln.“
„Nicht für mich. Für sie.“
Sie trennte sich. Opa machte eine Kur.

Ich hatte einen denkbar schlechten Start in dieser Welt. Meine Mutter war 18, als sie mit mir schwanger wurde, mein Vater ein Schlägertyp und mein Opa Alkoholiker. Die Stadt, aus der ich kam, wurde durch Rassismus und Teeniemütter berühmt. Fast niemand hegte Erwartungen, was mich betraf. Ich glaube, ich selbst hätte nicht an mich gegelaubt, wenn ich in einer anderen Position gewesen wäre, doch eine tat es: Meine Mama.
Sie stand jeden Tag früh auf und zeigte mir, dass sich arbeiten lohnte. Von ihr lernte ich, dass wenn man etwas wollte, man auch etwas dafür tun musste. Und auch, dass Arbeit nicht nur Arbeit, sondern auch in einem gewissen Grad Freiheit bedeutete.
Egal wie es um uns stand, sie gab mir nie das Gefühl, dass wir es nicht schaffen könnten. Denn die Umstände können noch so desolat sein, es ist nie so schlimm, dass es nicht auch etwas Gutes mit sich zieht. Nie so schlimm, dass man nicht etwas daraus lernen könnte. Sucht euch ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt und der Rest ergibt sich fast von allein. Es gab viele Tage an denen ich nicht aufstehen, an denen ich nicht wieder den immer wiederkehrenden Albtraum leben wollte. Durch das Geschrei eines Betrunkenen geweckt oder wieder in der Angst lebend, dass ich weg musste, weil er kommen und mich holen wollte. Ich war ja schließlich sein Kind und er hatte ein Recht darauf mich zu sehen. Dass er mich dabei jedes Mal durch seinen hohen Alkoholkonsum und seine Aggressionen gefährdete, sah er nicht. Aber ich tat es trotzdem, ich stand auf. Immer das Ziel vor Augen, es eines Tages mal anders machen zu wollen. Viele sagen, dass das Schicksal eines Kindes durch sein Umfeld bestimmt wird, aber da haben sie nur teilweise recht, denn das, was du hast, und das, was du daraus machst, hast du in der  Hand.

25.07.2003
„Siehst du die da? Die Rothaarige da vorn?“
„Die so komisch „tanzt“? Die ist ja wohl kaum zu übersehen?“
„Diese Frau werde ich mal heiraten.“
Mama und Papa lernten sich kennen. Wendepunkt.
Mein Papa. Nicht biologisch, aber einer, der den Titel verdiente, prägte mich mehr als sonst jemand. Egal welche Hürde es zu überwinden galt, er zeigte mir, dass nichts und niemand mich aufhalten konnte. Ich hatte nie ein besonders großes Selbstwertgefühl. Im Kindesalter wurde ich meiner Brille und Zahnlücke wegen gemobbt, aber er zeigte mir, dass das keine Fehler, sondern etwas Einzigartiges war.

23.05.2004
„Und noch einmal.“
„Muss ich wirklich alle Malfolgen nochmal aufschreiben? Ich hab das doch jetzt schon 5 mal gemacht.“
„Du kannst alles werden, was du möchtest, aber dafür musst du auch was tun. Du willst doch mal was werden, oder?“
„Ja Mama.“

„Na dann los. Nochmal von vorn.“
Ich blieb dran. Es lohnte sich.

20.07.2007
„Sie hat wirklich Potenzial. Ich weiß, sie will bei ihren Freundinnen bleiben, aber ich bitte Sie, ziehen Sie das Gymnasium in Betracht. Sie kann das schaffen.“
„Okay… ich werde sehen, was sich machen lässt.“
„Ich glaube fest an sie und das sollten Sie auch.“
Ich entschied mich dafür und bereute es nicht.

26.06.2015
„Und auch Frau Nitschke gratulieren wir zu Ihrer bestanden Abiturprüfung. Sie war stets eine sehr engagierte Schülerin, die sich mit allen gut verstand und immer einen Streit zu schlichten wusste. Außerdem war sie stellvertretende Kurssprecherin. Hiermit überreichen wir Ihnen ihr Abitur, herzlichen Glückwunsch.“
Spätestens jetzt hatte keiner mehr Zweifel, denn ich hatte geschafft, was niemand in meiner Familie vorher gschafft hatte, ich hatte mein Abitur.

07.08.2015
„Sehr geehrte Frau Nitschke, Sie sind zum Wintersemester 2015/16 für das 1. Fachsemester des zulassungsbeschränkten Studiengangs Germanistik, Bachelor of Arts im Hauptverfahren nach den Bestimmungen der im Freistaat Sachsen geltenden Vergabeordnungen zugelassen worden.“

Ich will nur sagen, es zählt nicht, woher ihr kommt, nur wohin ihr geht. Es ist nicht wichtig, ob die Anderen an euch glauben, es ist wichtig, dass ihr es tut. Und es ist auch egal, was irgendjemand von euren Plänen und Träumen hält, es ist wichtig, dass ihr an ihnen festhaltet, für sie einsteht und kämpft, denn im Regelfall wird das niemand für euch übernehmen. Jeder kann das erreichen, was er will, wenn er nur den Mut hat, sich zu beweisen. Wer will, findet Wege. Wer nicht will, Gründe.
Habt ihr etwas, was euch bewegt, etwas, was ihr leidenschaftlich gerne macht oder worin ihr einfach gut seid? Dann arbeitet daran. Ich saß Stunden um Stunden, weinte viel, hatte keine Kraft mehr und doch habe ich nie aufgegeben, auch wenn ich mal daran dachte. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolg: Dranbleiben. Und ich meine mit Erfolg nicht unbedingt den beruflichen oder sozialen Aufstieg, sondern vielmehr, seine Ziele vor Augen zu haben. Vielleicht klingt es oberflächlich, aber ich habe den Traum, irgendwann mal wie Carrie Bradshaw mit einem Mann an der einen und einer erfolgreichen Kolumne an der anderen Hand durch die Straßen von New York zu spazieren. Und jetzt stehe ich hier, noch nicht da wo ich sein will, aber näher dran als je zuvor. Und dieses Ziel hält mich am Laufen. Manchmal renne, manchmal schleiche ich und manchmal falle ich auch ein Stück zurück, doch es geht trotzdem immer irgendwie voran. Einen Traum aber habe ich mir schon jetzt erfüllt, denn ich habe es anders gemacht. Mich aus meiner Komfortzone bewegt, Grenzen überschritten und Ängste besiegt. Und was soll ich sagen? Es ist toll, ein Ziel zu erreichen, egal wie groß oder klein es ist. Bleibt dran, denn das ist das, was euch von den Anderen unterscheiden wird.

 

Autorin: Maria-Louise Nitschke

4 thoughts on “Time is now

  1. Liebe Maria! ich habe Deinen Bericht gelesen und mit Hochachtung verneige ich mich vor Dir. Auch ich bin sehr stolz auf Dich, was du alles durchgemacht hast und wie du es gemeistert hast, verdient nur respekt. und vor allem bin ich froh, dass ich dich und deine familie kenne. irgendwie kann ja unsere schule doch nicht so schlecht gewesen sein.
    leute, es lohnt sich wirklich,seine kinder zu unterstützen, wo es nur geht, damit noch mehr solche tollen menschen wie frau nitschke unser leben bereichern. ich versuchte es bei meinen kindern.und ich bin der überzeugung, dass auch mir es gelungen ist, dass sie liebevolle, höfliche, zielstrebige und erfolgreiche menschen geworden sind und noch werden.
    dir, liebe maria, wünsche ich, dass du nie aufgibst und dein ziel erreichst, trotzdem aber auf dem boden bleibst.so machst du nicht nur deine mama stolz, sondern auch dich, deine zukünftige famile und deine wahren freunde.
    alles gute wünscht dir fr. kermer

  2. Ein wirklich wunderschöner Text! Ich wünsche dir alles gute auf deinem Weg und hoffe, dass er dich dahin führt, wo du sein möchtest!

    Liebe Grüße
    Mara

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*