Über parasoziale Beziehungen

Fast jeder erinnert sich wahrscheinlich noch zu gut an eine Phase in seinem Leben, in der er ganz verrückt nach dem einen Sänger, dieser schillernden Girl-Band oder dem einen umwerfenden Schauspieler war. Man kaufte jede Zeitung, in der etwas über die Lieblingsstars gedruckt wurde, sammelte CDs und klebte sich die Wände des Zimmer mit entsprechenden Postern voll. Man wollte am liebsten so wie das Idol aussehen, zumindest aber die gleichen – oder ähnlichen, weil günstigeren – Klamotten, Accessoires und Schmuckstücke tragen.
Mir persönlich ist da vor allem eine Phase meiner Teenie-Zeit in Erinnerung geblieben – über 10 Jahre ist es her, dass der erste Teil der High School Musical Filme ausgestrahlt wurde und was war ich verrückt nach den beiden Hauptcharakteren Gabrielle Montez und Troy Bolton! Er ein absoluter Mädchenschwarm und gerade für einen fast 13-jährigen Teenager, wie ich es damals war, wunderbar anzusehen. Sie das schöne und kluge Mädchen, scheinbar perfekt und jedermanns Liebling. Ich wollte unbedingt so sein wie Gabriella und war überglücklich, als ich bei einem Shopping-Ausflug in der nächstgelegenen Großstadt dieses eine paar Schuhe fand, welches denen Gabriellas in der einen Szene im Flur der High School sehr, sehr ähnlich war.

Ein solches Nacheifern in Form des Nachkaufens von Kleidungsstücken, was sich genauso gut auf Einrichtungsgegenstände, Bücher, Make-up-Produkte und ähnliches übertragen lässt, ist etwas, was die Präsenz und das Wirken in der Öffentlichkeit wohl früher oder später automatisch mit sich bringen. Und eigentlich ist dagegen auch nichts einzuwenden. Für Teenager ist es eine Möglichkeit des Ausdrucks der Begeisterung für einen sogenannten Start, kann aber auch Hilfsmittel auf dem Findungsweg zum eigenen Stil sein. Und den dem pubertären Alter Entwachsenen ist es Inspiration und Anregung zur Festigung des (vielleicht) schon vorhandenen Stils oder Abwechslung und Erweiterung der persönlichen Interessen.

Im Zeitalter der sogenannten sozialen Medien bleibt es nur oft nicht bei dieser Art des Nacheiferns. Man erfährt mehr und hört, liest und sieht öfter etwas von den Menschen, die sich im Internet bewegen und präsentieren und (auch) damit in der Öffentlichkeit stehen – und viele wollen (immer) mehr. Die Videos bei Youtube, beispielsweise, die aus dem heimischen Wohnzimmer der Internetstars und Blogger gefilmt werden, lassen diese viel näher, persönlicher und ja, auch freundschaftlicher wirken, als sie es tatsächlich sind. Und diese Nähe führt zu einem Gefühl der Bindung, des Kennens – zu der Annahme, der anderen Seite, die man persönlich ja eigentlich gar nicht kennt, alles erzählen und sie wiederum alles fragen zu dürfen.

Parasoziale Beziehung (para- = griechisch; bei, entlang, neben; ähnlich, im Vergleich mit, fehlerhaft) ist der Begriff, der von den amerikanischen Soziologen Horton und Wohl im Jahr 1956 für das eingeführt wurde, was ein Rezipient zu einer Medienperson aufbauen kann. Gemeint ist damit eine einseitige, scheinbar zwischenmenschliche und meist imaginäre Beziehung, die im Kopf stattfindet. Sie entsteht und entwickelt sich infolge regelmäßiger „Begegnungen“ von Rezipient und Persona (die Medienperson), sogenannter parasozialer Interaktionen. Hinter dieser zweiten Bezeichnung verbirgt sich die medial vermittelte Kommunikation zwischen den beiden Parteien, die real nur einseitig stattfindet (vom Rezipienten, also vom Fan aus), von der der Rezipient jedoch die Illusion hat, dass sie wechselseitig abläuft.
Um bei dem Beispiel der Youtube-Videos zu bleiben: Während wir vor dem Laptop sitzen und das aktuellste Video unseres Lieblings-Youtubers schauen, zusammengenommen mit allen weiteren Situationen, in denen wir mit dem Youtuber über seine verschiedenen Social-Media-Kanäle „in Kontakt treten“, bauen wir eine Bindung zu der Person auf der „anderen Seite des Bildschirms“ auf, entwickeln eine parasoziale Beziehung (kurz PSB). Das aktive Verhalten, also beispielsweise das Kundtun von Meinung, Kritik und Lob über die Kommentarfunktion unter dem Video, ist dann die daraus entstehende parasoziale Interaktion (kurz PSI).

Horton und Wohl bezogen sich 1956 hauptsächlich auf Filme, Nachrichten und Unterhaltungsshows im Fernsehen. Sie erklärten ihre Beobachtungen und die daraus resultierenden Theorien von PSB und PSI so, dass sich die Zuschauer vor den Bildschirmen so verhielten, als würden Moderatoren, Schauspieler & Co. persönlich zu ihnen sprechen. Die Jugendlichen der beispielsweise 60er-Jahre konnten sich nur über klassische massenmediale Kanäle wie Rundfunk, Printmedien und Fernsehen über ihre Idole und deren Tun und Sein informieren. Der Kanal zurück – vom Fan zum Star – war früher entweder nicht vorhanden oder wurde nur vereinzelt genutzt, woraus sich auch die Einseitigkeit von PSB und PSI erklären lassen. Die Medienperson blieb sozusagen „blind“ – man konnte sich ihre Poster an die Zimmerwand kleben, mehr aber fast auch nicht.
Heute gibt es zum Einen eine größere Anzahl medialer Kanäle und zum Anderen viel weiter entwickelte Möglichkeiten der Kommunikation (mithilfe dieser Kanäle). Die Kommentarfunktion bei Facebook, Instagram, auf Youtube & Co., beispielsweise, ist somit zu einem Weg geworden, als Rezipient auf den Input aus dem Netz zu reagieren. Die Medien erhalten auf diese Weise einen sozialen Charakter (daher ja auch: social media). Denkt man an Blogger, kommt dazu, dass sie sich mit ihrem Blog meistens auch an einen real bekannten Personenkreis richten, was bedeutet, dass eine tatsächliche Interaktion durchaus möglich ist.

Um die Modelle der parasozialen Beziehung und der parasozialen Interaktion, die auf der Annahme der Einseitigkeit beruhen, auf die sozialen Medien unserer heutigen Gesellschaft anwenden zu können, müssen also 3 Arten von Persona(Medienperson)-Rezipient-Beziehungen unterschieden werden:

  • eine rein parasoziale Beziehung (ohne sozialen Kontakt)
  • eine soziale parasoziale Beziehung (PSB mit sozialen Elementen → bspw. Kommentarfunktion)
  • eine echte soziale Beziehung (mit persönlicher Bekanntschaft; zusätzliche parasoziale Elemente sind möglich)

PSB und PSI wirken wechselseitig aufeinander ein. Je häufiger man einer Medienperson „begegnet“ – durch Videos, Fotos, Textbeiträge u.ä. – und je sympathischer sie einem ist, desto schneller und wahrscheinlicher baut sich irgendeine Art von parasozialer Beziehung zwischen einem selbst und der Medienperson auf. Das führt dazu, dass man immer wieder etwas von der Person hören, lesen, sehen will und mit Begeisterung an deren Leben teilnimmt – insoweit sie das ihrem Publikum ermöglicht und gewährt. Die parasoziale Interaktion, die daraus resultiert, äußert sich beispielsweise im Schreiben von Kommentaren, mit denen man seine Gedanken, Lob, Kritik und Fragen zu Gezeigtem an die Medienperson weitergibt. Darüber hinaus gibt es mittlerweile auch meistens die Möglichkeit, diese Fragen in Form einer persönlichen Kurznachricht oder einer E-Mail direkt an den Youtuber, die Bloggerin oder die Instagrammerin zu schicken. Wird auf einen Kommentar reagiert und werden die eigenen Fragen zufriedenstellend beantwortet – schreibt und fragt man beim nächsten Video, Bild, Text wieder. Und vor allem wird: gefragt!

„Viele Leser sehen mich als Freundin, auch wenn ich nicht ihre Freundin bin.
Der Entzug von Informationen, die mich noch greifbarer machen, ist eine Art Liebesentzug,
und das irritiert.“

MADELEINE ALIZADEH (Blog Dariadaria) für kurier.at

Immer häufiger ist zu beobachten, wie Blogger & Co., die einen großen Teil ihrer Persönlichkeit und ihres Privatlebens mit der Welt im Internet teilen, damit zu kämpfen haben, sich eine Privatsphäre zu bewahren. Sie gewähren Einblicke in ihren Alltag, ihren Urlaub, ihren Kühlschrank, ihre Badroutine, zeigen ihr Essen und was sie wo kaufen. Eigentlich schon verrückt genug, wenn man es einmal mit Abstand betrachtet. Aber wir alle verfolgen das mit Begeisterung, mit Neugier und geben doch auch selber so viel im Internet preis. Und trotzdem muss es, wenn es nach dem Willen vieler geht, immer noch mehr sein. Alles wird gefragt, über jedes noch so kleine und wirklich private Detail wird Auskunft verlangt. Und das alles geschieht in der Annahme der Selbstverständlichkeit. Wie oft kann man lesen: „Du stehst mit deinem Leben in der Öffentlichkeit und hast es dir so ausgesucht, dein Leben mit uns zu teilen! Also musst du auch damit rechnen, dass du so etwas gefragt wirst und Menschen über dieses Puzzleteil deines Lebens mehr wissen wollen!“ – so oder so ähnlich.
Aber auch wenn es sich viele Blogger ausgesucht haben, mit sich und ihrem Leben auf die Art und Weise im Internet und damit in der Öffentlichkeit zu stehen, heißt das noch lange nicht, dass sie sich das alles gefallen lassen, darauf eingehen und antworten müssen. Sie haben mit ihrem Schritt in die Weiten der sozialen Medien, der ja immer erstmal irgendwann ganz klein angefangen hat, keinen Vertrag unterschrieben, über alles Auskunft geben und sich vollkommen transparent machen zu müssen.

Das Unwohlsein einiger Blogger gegenüber mancher Art von Fragen mag auf Unverständnis bei den Lesern stoßen und ja, vielleicht auch eine Art Liebesentzug sein – ist aber absolut gerechtfertigt. Denn jeder hat ein Recht auf Privatsphäre, auch wenn man es sich ausgesucht hat, Ausschnitte seines Lebens mit der Öffentlichkeit zu teilen.

 

QUELLEN:
1) www.ifak-kindermedien.de
2) www.hiig.de
3) www.academia.edu

 

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