Von der Studentin zur Unternehmerin


Nachdem ich mein Studium und meine praktische Ausbildung beendet hatte, stand zwar fest, in welchem Rechtsgebiet ich tätig sein möchte. Aber wo, wie und in welcher Form war mir absolut nicht klar. Festanstellung als Anwältin, in großer oder mittelständischer Kanzlei, Staatsdienst, Tätigkeit auf Unternehmensseite – so viele Möglichkeiten.

Von einen auf den anderen Tag ergab sich die Gelegenheit, mich als Anwältin in einer bereits bestehenden Bürogemeinschaft selbständig zu machen. Start in 6 Wochen. Entscheidung nach Bauchgefühl noch in derselben Nacht. Ich – die unerschütterliche Optimistin – wagte den Schritt in die Selbständigkeit.

Der Start in die Selbständigkeit ist ein learning by doing-Prozess. Auf Speed. Es gibt keinen Raum für Perfektionismus. Aber das ist auch nicht notwendig. Das Wichtigste für mich war, so schnell wie möglich ins Handeln zu kommen. Businessplan erstellen, Fördergelder beantragen, Versicherungen abschließen, Büroausstattung und den gesamten operativen Bereich organisieren, Geschäftskonto eröffnen, Finanzamt abklären, erste Marketingmaßnahmen planen und umsetzen. Und dazwischen immer wieder tief durchatmen und Vorfreude.

Existenzängste? Na klar hatte ich die. Aber als Berufsanfängerin konnte ich ein kalkulierbares Risiko eingehen. Tief konnte ich nicht fallen, da ich am Anfang meiner beruflichen Laufbahn stand. Das Schlimmste was mir passieren konnte war, das es nicht funktionierte und ich etwas Neues beginnen und von vorne anfangen müsste. Mit diesen Gedanken konnte ich leben. Also: raus aus dem Kopf, rein in die Umsetzung.

Ohne Netz und doppelten Boden begann ich meine Tätigkeit als selbständige Anwältin. Nicht nur fachlich, sondern auch unternehmerisch bin ich kopfüber ins kalte Wasser gesprungen. Und es war das Beste, was ich tun konnte!

Als Berufsanfängerin und Unternehmerin hatte ich gegenüber festangestellten oder verbeamteten Anfängern meines Berufsstandes den doppelten Vorteil, die doppelte Chance, die doppelte Herausforderung und letztendlich das Potential für doppeltes Wachstum. Ich entwickelte mich nicht nur fachlich, sondern musste mich zwangsläufig auch unternehmerisch entwickeln. Fall für Fall sammelte ich Erfahrungen in meiner Anwaltstätigkeit. Und dabei wuchs ich parallel in die Aufgaben einer Unternehmerin in den Themenbereichen Buchhaltung, Wirtschaftlichkeit, Marketing und Vertrieb, Büroorganisation und Mitarbeiterführung hinein.

Schnell kristallisierte sich für mich heraus, worauf es in beiden Bereichen eigentlich ankommt: Welche Einstellung habe ich, welche Ziele will ich bis wann erreichen und wie schaffe ich das? So konnte ich immer wieder überprüfen, wo ich gerade stand und ob ich mich noch auf dem Weg befand, der mich zu meinem Ziel führen sollte.

Ein weiterer großer Bonuspunkt: In der Selbstständigkeit gibt es keinen Stillstand. Neben der obligaten beruflichen Weiterbildung und Spezialisierung lerne ich immer noch jeden Tag als Unternehmerin dazu, besuche Seminare, lese Bücher, höre Podcasts wie etwa zum Thema Marketing und Vertrieb. Mein Wissensspektrum erweitert sich stetig.

Der größte Vorteil ist jedoch die Weiterentwicklung der Persönlichkeit. Den Mut, Neues auszuprobieren und die Freiheit, das dann auch eigenverantwortlich und schnell umzusetzen. Ob es ein neues Marketingtool, ein neuer Organisationsablauf ist – ich allein bin dafür verantwortlich, wann und wie etwas umgesetzt wird und muss nicht auf eine Abstimmungsrunde warten oder auf Bedenkenträger eingehen. Großartige Erfahrung. Die Erfolge, die ich als Anwältin und Unternehmerin feierte, machten mich stolz.

Neben der Verantwortung entwickelt sich die Fähigkeit, selbst unter Druck bindende Entscheidung zu treffen. Und die Konsequenzen zu tragen. Und auch Niederlagen einzustecken, sich aufzurappeln, aus Fehlern zu lernen und weiter zu machen. Gerade ein Fehler bietet eine Möglichkeit für Wachstum. Und sei es nur, dass mir dieser Fehler nicht noch einmal unterläuft.

Mein Selbstvertrauen wuchs mit jedem Geschäftsjahr. Und damit auch meine Einstellung zum Beruf, zum Unternehmen und letztendlich zu mir selbst: Ich kann darauf vertrauen, dass ich alles schaffe, was ich mir vornehme und immer wieder neue Wege oder Abkürzungen finde.

Nach fünf Jahren wechselte ich von der Selbständigkeit als Partnerin in eine größere Kanzlei. Zusammen mit meinem Erfahrungsschatz und wertvollen Fähigkeiten, die ich als Selbständige machen durfte und die ich in den ersten Berufsjahren in einem Anstellungsverhältnis nicht hätte machen können.

Gastautorin: Kristin

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