Warum dich laufen zu einem stärkeren Menschen macht

von Sarah Kobs.

„Bleib doch noch liegen. Du kannst doch morgen laufen gehen.“ Ich lächle ihn an, gebe ihm einen Kuss und ziehe meine Laufsachen an. Dieses Gespräch führen wir häufig, sehr häufig. Es ist Sonntagmorgen, 6:30 Uhr und ich mache mich auf den Weg in Richtung Alster und Stadtpark, denn auf meinem Trainingsplan stehen heute 25 Kilometer. Fast zwei Jahre nach meinem ersten Marathon sind die Emotionen immer noch genauso präsent und großartig wie am 17. April 2016 und ich habe teilweise immer noch Freudentränen in den Augen, während ich diese Zeilen über meinen ersten Marathon schreibe.

»Wenn du laufen willst, lauf eine Meile.
Willst du ein neues Leben, dann lauf einen Marathon.« (Emil Zátopek)

Zugegebenermaßen war ich mit meinem Leben sehr zufrieden. Es gab nichts, was ich unbedingt ändern wollte. Ich war gerade von Köln zurück nach Hamburg und mit meinem Freund zusammengezogen, meine Familie, Freunde und ich waren gesund. Es war eigentlich alles gut so. Aber doch sehnte ich mich nach einer Herausforderung. Wollte mir selbst etwas beweisen, meine Grenzen austesten. Eine Idee, die mir schon länger im Kopf herum schwirrte, war es, einmal im Leben einen Marathon zu laufen. Einmal im Leben diese wahnsinnigen 42,195 Kilometer rocken.

Sommer 2015. Ein gemütlicher Mädelsnachmittag zuhause und ein Gespräch über unsere sportlichen Pläne im nächsten Jahr. Wer sich öfter Motivationsvideos auf YouTube anguckt, kennt das Gefühl, wenn einen ein Video so richtig packt und man mit Gänsehaut vor seinem Laptop sitzt. So ging es mir bei dem offiziellen Video für den Haspa Marathon 2016. „Wir melden uns da jetzt an.“ Gesagt, getan. So simpel und doch so aufregend. Noch zehn Monate blieben uns bis zum Tag X. Eigentlich eine lange Zeit und dann ging es plötzlich doch ganz schnell.

»Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft« (Emil Zatopek)

Und das tat ich. Ich lief und lief und lief. Meistens nach Lust und Laune und dann zwölf Wochen vor dem Marathon nach einem konkreten Trainingsplan. Ich habe das regelmäßige Training nach Plan geliebt und liebe es immer noch. Es gibt mir eine Struktur und wenn der Plan im Flur auf meiner Kommode liegt und dort für Dienstagabend ein Intervalltraining eingeplant ist, dann halte ich mich daran. Egal, ob es regnet, Minusgrade sind oder ich einen langen anstrengenden Tag auf der Arbeit hatte. Schnell merkte ich im Training, dass ich meinen inneren Schweinehund längst besiegt hatte und das machte mich unglaublich stolz.

Ich war eigentlich schon immer sportlich, war als Kind immer draußen und unterwegs. Damals habe ich mich beim Turnen, Schwimmen, Ballett und Volleyball ausprobiert. Hängengeblieben bin ich beim Volleyball und liebe diese Sportart bis heute. Das Laufen gibt meinem Leben nochmal eine ganz andere Struktur. Laufen kannst du überall. Egal wann und wo. Laufschuhe an und los.Ich muss gestehen, dass ich gerne alleine laufe. Nur mit mir. Allein. In meinem Beruf bin ich täglich mit vielen Menschen in Kontakt und bin froh, wenn ich abends beim Laufen einfach mal abschalten kann und ganz für mich alleine bin. Einfach den Kopf frei laufen und danach mit einem wunderbaren und befreienden Gefühl nach Hause kommen.

»Es wird nicht leichter, sondern du wirst stärker.« (unbekannt)

Wenn andere am Wochenende feiern gingen, zog ich meine Laufschuhe an und ging laufen. Das war in Ordnung. Ich wollte es so und ich hätte mir in dem Moment nichts Schöneres vorstellen können, denn ich hatte ein Ziel.

Jeden Sonntag stand ein langer Lauf im Trainingsplan. Jede Woche zwei Kilometer mehr. Mein Freund hat mich bei vielen dieser langen Läufe auf dem Fahrrad begleitet. Häufig waren wir zusammen bis zu dreieinhalb Stunden unterwegs. „Ist dir eigentlich klar, was man während dieser Zeit alles machen könnte? Zwei Fußballspiele oder zwei Filme gucken. Hätten wir uns in die Bahn gesetzt, wären wir jetzt schon fast in Köln…“ Ja, ich hätte vieles anderes in dieser Zeit machen können. Aber ich wollte nicht. Ich wollte 28 Kilometer quer durch Hamburg laufen und einen Fuß vor den anderen setzen. Immer und immer wieder.
„Du bist verrückt“ ist für mich das schönste Läufer-Kompliment. Mich macht dieser Satz irgendwie glücklich. Er drückt doch irgendwie aus, dass dein Gegenüber stolz, vielleicht sogar neidisch auf dich und dein Geleistetes ist. Neidisch auf deinen inneren Schweinehund, den du immer wieder besiegst. Nach der Arbeit abends einfach einen Halbmarathon laufen – dass ich das schaffe, hätte ich vorher niemals gedacht. „Du bist doch verrückt“ heißt es dann und du denkst dir: Ja, bin ich und es ist ein tolles Gefühl.
Dieses Erfolgsgefühl etwas zu schaffen, jede Woche mehr Kilometer zu laufen, schneller zu werden und zu merken, dass sich 25 Kilometer gar nicht mehr so übel anfühlen, überträgt sich unbewusst auf euren Alltag. Stell dir vor: Du bist am Sonntagmorgen früh aufgestanden und hast deine 20 Kilometer schon hinter dir. Es ist 10 Uhr morgens, du steigst in die U-Bahn, um dich mit einer Freundin zum Brunchen zu treffen. In der Bahn sitzt eine Gruppe junger Mädels, die gerade erst vom Feiern nachhause kommen. Und du? Du hast gerade schon vor dem Frühstück 20 Kilometer gerockt. Mich macht dieses Gefühl unglaublich stark.

Am 17. April 2016 war es dann für mich so weit. Am Marathontag selbst war ich einfach nur glücklich. Ich konnte es nicht fassen, wie schnell die letzten Monate vergangen sind, wie viele Kilometer ich gelaufen bin und wie selbstbewusst mich das Marathontraining gemacht hat. Ich habe auf diesen wahnsinnigen 42,195 Kilometern einfach jede mögliche Gefühlslage durchlebt. Die ersten zehn Kilometer konnte ich einfach nicht aufhören zu grinsen. Es war eine so unfassbar tolle Stimmung entlang der Strecke. Anwohner haben auf ihren Balkonen gefrühstückt, von dort ordentlich Stimmung gemacht und Kinder standen am Streckenrand und haben ihre Hände zum Abklatschen ausgestreckt. Die Strecke führte vorbei an allen Highlights wie der Reeperbahn, den Landungsbrücken, der Speicherstadt, mit Musik durch den Wallringtunnel, entlang am Jungfernstieg und um die Alster – und ich mittendrin. Es war jedes Mal Gänsehaut pur, wenn ich einen meiner Lieblingsmenschen an der Strecke sah. Und auch die vielen Bands und Trommler gaben mir jedes Mal einen Motivationsschub.

»Hätte dieser alte Grieche nicht schon nach 20 Kilometern tot umfallen können?« (Frank Shorter)

Meinen ersten richtigen Tiefpunkt hatte ich kurz hinter Kilometer 30. Meine Beine wurden immer schwerer und eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust mehr weiterzulaufen. Und genau da stand eine Freundin von mir, der ich kurz in die Arme fiel. Ihre Reaktion war für mich in dem Moment goldwert: „Du bleibst nicht stehen, lauf weiter. Du ziehst das jetzt durch.“ Und das tat ich. Hagelschauer und Regen bei Kilometer 33 hin oder her. Ich wusste, dass ich es ins Ziel schaffen würde und ich wollte auf keinen Fall anhalten oder zwischendurch gehen. Bei Kilometer 36 folgte dann eine kurze Heulattacke. Ich war am Kämpfen und dann standen plötzlich so viele meiner Freunde an der Strecke und riefen meinen Namen. Ich wurde einfach überwältigt von all den Gefühlen und fing an zu weinen. Vor Freude, vor Schmerz und einfach so. Aber ich lief weiter. Immer weiter. Blieb nicht stehen.

Und dann war es fast so weit. Nach dem 41. Kilometerschild wurde mir bewusst, dass ich gerade tatsächlich dabei bin meinen ersten Marathon zu finishen. Der letzte Kilometer verging wie im Flug und der Einlauf auf dem roten Teppich und das Überqueren der Ziellinie waren einfach unbeschreiblich. Ich lief ins Ziel, riss die Arme hoch und hatte es geschafft. Wahnsinn. Ich verfiel ins Gehen und mir schossen schon wieder die Tränen in die Augen. Ein Volunteer hängte mir meine Medaille um und gratulierte mir. Ich konnte nicht anders, als ihn zu umarmen.

Ich war so überglücklich und stolz, dass ich jetzt beim Schreiben darüber immer noch Gänsehaut habe und ich meine Gefühle kaum in Worte fassen kann. Ich hatte es geschafft. Mein erster Marathon.
Ich habe ihn geliebt und gehasst. Ich habe auf diesen wahnsinnigen 42,195 Kilometern gelacht, geflucht und geweint. Habe durch das Training unfassbar viel über mich gelernt und zu mir gefunden. Es hat mich nicht nur zu einem Marathoni, sondern zu einem stärkeren und selbstbewussteren Menschen. Und darauf bin ich unglaublich stolz und sehr, sehr dankbar. Und jetzt? Jetzt wartet im Oktober 2018 mein zweiter Marathon auf mich und ich kann es kaum erwarten mit dem Training zu starten.

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