Warum du stärker bist, als du dich fühlst

„Ich möchte einmal eine starke Frau sein.“, schrieb ich im August 2014 in mein Tagebuch. Heute, über zwei Jahre später, denke ich wieder den gleichen Satz. Denn 2016 fühlt sich nicht wie ein starkes Jahr an. An Herzschmerz zerbrochen, an Zukunftsplänen verzweifelt, von Ängsten gelähmt. Ich wollte so viel, war an vielen Tagen so optimistisch, und jetzt, am Ende des Jahres, bin ich froh, dass es vorbei ist. Bin ich doch eigentlich jemand, der Abenteuer sucht und Neues wagt, habe ich es dieses Jahr nicht geschafft, mich für das Aufregende, Unbekannte zu entscheiden, sondern bin geflüchtet ins Vertraute, dahin, wo ich Geborgenheit vermutet habe. Und es fühlt sich an wie ein Versagen.

Doch vielleicht täuscht meine Wahrnehmung. Vielleicht war 2016 das schwerste, wechselhafteste, aber zugleich stärkste Jahr. Denn vielleicht war die Entscheidung, nahe an zu Hause zu bleiben, statt wieder einmal ans andere Ende des Landes zu ziehen, stärker als sie mir vorkommt: Wegrennen kann ich, habe ich oft getan in den vergangenen 5 Jahren, bald jährlich. Aber versuchen, anzukommen, mir ein dauerhaftes Zuhause aufzubauen, das ist neu für mich. Und unfassbar schwer und anstrengend. Ich bin wählerischer, was meine neuen Freunde angeht, und unzufriedener mit meiner Wohnsituation. Weil ich diesmal nicht schon von Beginn an die Monate herunterzählen kann, sondern auf unbestimmte Dauer gekommen bin. Das ist manchmal ungewohnt und furchterregend, so dass ich in Momenten, in denen etwas nicht läuft, wieder anfange, Fluchtpläne zu schmieden. Jedoch plane ich nicht, diese umzusetzen. Stattdessen nehme ich die Herausforderung an und baue mir trotz der Steine auf dem Weg Stück für Stück eine neue Heimat auf.

Und vielleicht war es auch ein Zeichen von Stärke, in vielen Momenten Schwäche zu zeigen. Meinem Gegenüber in die Augen zu blicken und zu gestehen „Es geht mir nicht gut, ich weiß nicht, wie ich aus diesem Loch wieder rauskomme, es tut so weh“. In dem Augenblick selbst fühlte ich mich unendlich schwach, hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich meinen Freunden fast täglich einen vorheulte, obwohl sie doch alle ihre eigenen Probleme haben. Ich wollte ihnen nicht zur Last fallen und musste dennoch über meine Gedanken sprechen. Und heute glaube ich, das war ok so, denn es erfordert eine Menge Mut, zu seinen Tränen zu stehen und zu sagen „Ich kann gerade nicht mehr“.

Vielleicht verwechseln wir häufig einfach Stärke mit Unverwundbarkeit.

Wie oft schlucken wir Worte hinunter und halten lieber aus, statt unsere tatsächliche Gefühlslage zu offenbaren? Und warum – weil wir unser Gesicht wahren wollen, uns nicht die Blöße geben wollen, schwach zu wirken und uns vor dem Stempel der Verletzbarkeit drücken möchten. Wir alle versuchen tagtäglich, uns stark zu geben, unverwundbar, unnahbar, abgehärtet und ein bisschen kühl, als hätten wir alles perfekt im Griff. Das wird von uns erwartet und das erwarten wir selbst von uns. Aber auf Dauer funktioniert das nicht, irgendwann müssen sie raus, die unterdrückten Ängste, Schmerzen und Sorgen. Dann brauchen wir Freunde, die die Flasche Wein mit uns öffnen und die uns auffangen. Dann ist es ok, sich ins Heimische, Vertraute zu flüchten, dann dürfen wir die Welt auch mal von den Anderen erobern lassen.

Vielleicht bedeutet stark sein nicht, keine Angst zu haben, sondern seine Angst zu überwinden, oder sie zumindest zu ignorieren. Wir alle haben Angst vor dem Ungewissen der Zukunft und dem müssen wir uns bewusst werden. Wir dürfen nicht so tun, als hätten wir keine Furcht, als könne uns eh nichts etwas anhaben und als passieren die schlechten Dinge sowieso nur den anderen. Habt Angst, aber lasst euch von ihr nicht lähmen. Steht zu eurer Angst, sprecht darüber, malt euch aus, was schief gehen kann – aber verfolgt eure Pläne trotzdem und umso mehr.

Stärke bedeutet nicht, nie schwach sein zu dürfen.

Sondern bloß, immer wieder aufzustehen. Und sich selbst seine Momente der Schwäche zu verzeihen lernen. Wir dürfen fallen, wir dürfen uns beim Aufprall auch was brechen und wir dürfen uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, um uns wieder zu erholen. Stärke zeigt sich dann darin, die Hoffnung nicht zu verlieren und nicht aufzugeben. Vielleicht für den Moment nicht weiter wissen, aber dadurch nicht die gesamte Zukunft schwarz malen. Nach erfolgreicher Genesung wieder auf den Berg zu steigen, mit dem Risiko, ein weiteres Mal zu fallen, aber vielleicht eben auch nicht. Oder beim nächsten Mal einfach den Fallschirm einpacken.

Und vielleicht ist es auch ein Irrsinn, zu glauben, dass uns jede Niederlage und jeder Rückschlag stärker machen wird. Das gibt uns zwar einen breiteren Schatz an Erfahrungen, mit dem wir die aktuelle Situation vergleichen können, Lektionen aus der Vergangenheit, an die wir uns erinnern können; aber weh tut es jedes Mal aufs Neue, weil jedes Mal eine neue Hoffnung in den Wind geschlagen wird. Schwach macht es uns, vor jedem Risiko zu flüchten und zu glauben, uns könne nichts passieren. Stark werden wir, indem wir das Risiko akzeptieren und uns endlich klarmachen, dass wir sind wie der Phoenix: Wir können brennen, und manchmal verbrennen wir. Aber aus jeder Asche heraus können uns wieder neue, leuchtende Federn wachsen. Bis zum nächsten Feuer.

2016 war in vielerlei Hinsicht ein turbulentes Jahr. Für mich persönlich und die Welt allgemein. Aber was heute, am letzten Tag des Jahres, viel wichtiger für mich ist, sind die vielen Lektionen, die ich gelernt habe und die vielen Möglichkeiten, die mir geschenkt wurden, um mich weiterzuentwickeln. Ich war am 01.01.2016 ein anderer Mensch, als ich es am 31.12.2016 bin, und das ist gut so. Am 31.12.2017 werde ich abermals ein anderer Mensch sein und ich freue mich auf all die Hochs und Tiefs dazwischen.

Gastautorin: Miriam

2 thoughts on “Warum du stärker bist, als du dich fühlst

  1. Liebe Miriam,
    vielen dank für deinen tollen post. er spricht mir aus der seele. Auch wenn 2016 für mich ein schönes jahr war, und ich positiv auf dieses zurück blicke, gab es auch so einige downs. gerade die männerwelt hat mich doch ziemlich traurig gemacht. ich war traurig, am boden, aber das ist okay. das durfte ich sein. trotzdem habe ich ein gutes bild von der welt, bin glücklich, zufrieden. und das nach allem was war, nach allem was man erlebt hat sagen zu können, ist für mich stärke.
    ich wünsche euch allen ein tolles jahr 2017.

  2. Liebe Miriam,
    deinen Text hätte ich schreiben können, auch für mich war 2016 ein Jahr voller Emotionen; Trauer, Verzweiflung, Angst, Scham. Ich habe diese Gefühle auch zur Stärkung genutzt und dein Satz, dass Stärke nicht gleich Unverwundbarkeit bedeutet, gibt mir erneut Kraft, das neue Jahr stark anzugehen. Ich wünsche dir ein wunderbares Jahr, dass du dich in deinem Zuhause auch Zuhause fühlst, und glücklich bist. Danke für deine Bereicherung durch diesen Text.

    Alles Liebe

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