Warum Studieren Eigenverantwortlichkeit ist

Das Abi in der Hand stehen wir wie Alice im Wunderland vor uns unbekannten Wegen, Wesen und Richtungen. Eine ungefähre Ahnung, was uns erwarten könnte haben wir, aber wir müssen uns ja auch noch dafür entscheiden. Und während die möglichen Szenarien in Dauerschleife laufen und das unseren Entscheidungsprozess nicht einfacher, sondern komplexer macht, steht der weiße Hase neben uns und guckt angestrengt auf seine Uhr: „Oh weh, oh weh, ich werde zu spät kommen!“ Und wir bekommen Angst, dass auch wir zu spät kommen, zu lange brauchen und den Zug verpassen. Dass wir ein Jahr nach dem Abi vertrödeln, das wir dem Personaler nicht verständlich machen können. Und während dieser Zeit lastet auf uns nicht nur der permanente Druck, uns richtig entscheiden zu müssen, sondern auch die Erwartung, dass wir genau wissen, was wir wollen.

Ich entschied mich, ohne wirkliche Überlegungen angestellt zu haben, für Jura. Dieses steife, muffige Fach voller Perlenpaulas. Ich erwartete die schlimmsten Jahre meines Lebens: büffeln, büffeln, büffeln zusammen mit grandios langweiligen und engstirnigen Leuten. Und ja: Es hat sich eigentlich alles bewahrheitet. Ich kann mit den meisten überhaupt nichts anfangen (aber ich habe auch sehr liebe Freunde gewonnen, die absolut nicht in dieses Schema passen), die Materie ist trocken wie wochenalte Butterkekse und Auswendiglernen ist die Regel. Entspannte Sozialwissenschaftler und kreative Kunststudenten finden sich hier nicht, das Klima ist rau in dieser Ellenbogengesellschaft und die Vorlesungen öde. Seminare gibt es nicht. Eigene Gedanken noch weniger. Flexible Lernplangestaltung nach eigenen Interessen: Fehlanzeige. Sich ohne Traum und Ziel durch ein Studium zu quälen oder auch nur zu ersitzen, ist viel anstrengender als jedes wirkliche Jurastudium. Unmotiviert zu lernen ist wie Weihnachten ohne Geschenke: Es ist kein Weihnachten.

Und doch ist es mein Studiengang. Nicht, weil mir diese ganzen Rahmenbedingungen gefallen, sondern weil ich gelernt habe, dass Universität keine Schule mehr ist. In der Schule haben sie uns kleine Lernhäppchen bereitet: mundgerecht geschnitten und in genau der richtigen Menge, sodass wir satt wurden. Wir wurden einfach mit Wissen berieselt und mussten nur die Arme ausbreiten. Das Studium hingegen erfordert Eigenverantwortlichkeit. Nicht nur beim Lernen, sondern im Begeistern. Dass man sich disziplinieren kann, für Klausuren zu lernen und Hausarbeiten zu schreiben ist ein no-brainer, aber die Begeisterung am Fach liegt leider auch in unseren Händen. Es gibt die Lehrer nicht mehr, die sich nach der Stunde mit dir hinsetzen und Vorschläge machen, wie dir die Materie eventuell näher gebracht werden könnte. Dafür müssten die Professoren überhaupt erst einmal deinen Namen kennen.

Für mich hat Recht erst eine spannende Dimension erreicht, als ich mich selbst damit auseinandersetzte. Abseits der Vorlesungen und Lehrbücher habe ich mich wieder gefragt, was mich überhaupt am Recht fasziniert. Was ich davon wollte. Was ich mir erwartet habe. Und erst mit der Erkenntnis, dass ich für mich lerne und all die Dinge verstehen kann, die sich einem auf den ersten Blick nicht erschließen, hat Jura für mich Sinn gemacht. Und Spaß. Ich hatte wieder ein Ziel. Und auch wenn die Horrorgeschichten über die Staatsexamina wie Hammer über mir hängen und mich Kreditsicherungsrecht nicht die Bohne interessiert, weiß ich wohin ich will. Denn neben den grauen Anzugträgern gibt es auch die großen Weltveränderer, die als Vorbilder herhalten: Gandhi, Nelson Mandela, Fritz Bauer. Menschen, welche die Welt ein Stück besser gemacht haben. Menschen, die das Recht zurecht gebogen haben.

Ich musste mir nicht nur die Gründe für meine Studienwahl wieder in Erinnerung rufen, sondern vor allem wieder Ziele setzen. Als ich direkt von der Schule kam, hatte ich das Gefühl, die Welt würde nur darauf warten, von mir erobert zu werden und desto älter ich wurde, umso mehr schwand diese Einstellung. Nicht nur, weil die Realität einen dazu zwingen will, sondern weil diese allzu erwachsenen Erwachsenen einem ihre eigene Niedergeschlagenheit überstülpen wollen. Als ich mich entschied, wieder die Dinge zu lernen, die mich wirklich interessieren, auch wenn sie nicht examensrelevant sind, habe ich meine eine große Überzeugung wieder gefunden: die für Europa. Die vielleicht großartigste Idee der letzten hundert Jahre.

Und auch wenn ich weiß, dass ich vermutlich niemals Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte werde oder mit an der tatsächlichen Verfassung für die Europäische Union schreibe, so sind das doch die Träume, die mich über Wasser halten. Denn “If your dreams do not scare you, they are not big enough” (Ellen Johnson Sirleaf). Und wenn ich wieder Schemata fürs Zivilrecht auswendig lernen muss, dann schließe ich die Augen und gönne mir zwei, drei Minuten Träumereien. Dann habe ich über Ecken und Umwege und sehr viel Glück doch Gehör bei den Mächtigen gefunden und gestalte die EU endlich so, wie sie gehört. Diese Visualisierung meiner Ziele, genauso wie die Schaffung von motivierenden, kurzfristigeren Zielen lassen mich das wohl nervigste Studium überhaupt meistern. Dieses kurzfristige Ziel für mich ist das Doktorat: Ich möchte unbedingt forschen und benötige dafür zwangsläufig sehr gute Noten.

Es ist also ein dreistufiges System, dem ich folge: Erstens, die Besinnung auf die Gründe für das Studium und die wirklichen Interessen, denen man nachgehen möchte, unabhängig von dessen Examensrelevanz. Zweitens, die Zielsetzung für langfristige (vielleicht ängstigende) und kurzfristige Ziele und Drittens, die Visualisierung derer.

Ich habe auch unproduktive Tage, aber ich habe verstanden, was die vielleicht größte Aufgabe im Studium ist: nicht nur schwammartig alles in sich aufzusaugen, sondern selbst die Flüssigkeiten zu wählen, in denen man baden möchte.

Gastautorin: Pao

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