Warum uns Dating-Apps einschränken

Ich saß ihm in diesem schummrigen Licht gegenüber und schob meinen Teller weg. Ich fand ihn sehr sympathisch, aber so langsam ging uns die Luft zum Reden aus. Er lud mich nicht ein und ich merkte, dass mich das störte. Immerhin war es ein Döner für schlappe 3€ gewesen.
Wir hatten über Tage hinweg Nachrichten hin und her gejagt, warum kamen wir jetzt plötzlich ins Stocken? Weil das hier keine elektronisch vermittelte Datenübertragung war, die von einer guten Internetverbindung abhing. Das hier war die Realität, hautnah, direkt, ungefiltert im Sekundentakt. Eine Challenge für dich und deine Erwartungen.

„Wir machen einen Deal, ok?“, fragte er mich vor einigen Wochen und schaute verschmitzt. Eine Woche, ich und Tinder. Dann würde er mir nicht mehr auf die Nerven gehen, dass mein potentieller Mr. Right in den Tiefen dieser App versteckt lägen. Ich bekam ein komisches Gefühl.
„Echt jetzt?“
„Na komm schon!“
Nur weil ich von Natur aus sehr neugierig bin, ob so etwas wie Tinder wirklich funktionieren kann, stimmte ich zu. Er fand dort zumindest seine Freundin. Bei manchen funktioniert es also offenbar, dachte ich mir.

Je länger sich die App jedoch auf meinem Handy befand, desto stärker fing sie an, mich nur noch zu nerven. Mir wurde schwindelig bei dieser ganzen Aufmerksamkeit, die mir geschenkt wurde. Vielleicht auch weil sie mir zu viel ist, und mir nicht steht und die Dosis mir unnormal erschien. Normalerweise lernt man in einer Woche schließlich höchsten zwei Männer kennen. Wenn überhaupt. Ich merkte, wie ich immer wieder den Kopf einzog, mich aus Fragen wie „Was machst du heute Abend?“ herauswand und mehr Luft brauchte.
Und irgendwie kann man auch leicht den Überblick verlieren. Obwohl die Quote der wirklich interessanten Gespräche sowieso bei unter 5% lag (meiner Erfahrung nach zumindest), fühlte ich mich ein bisschen wie im Namen-Memory. Name, Steckbrief und Konversation zusammenzuhalten und bei allem genau gleich aufmerksam zu sein, überforderte mich. Weil diese Situation nichts mit einer realen zu tun hat.

Ich bin niemand, der 100 Optionen braucht und sich alle offen und warm halten muss, nur um am Ende nicht mit „leeren Händen“, sondern als „Gewinner“ dazustehen. Dieses ganze Herumgezerre lässt mich eher taumeln als tanzen. Und ich merke, dass ich Angst habe aufs Ganze zu gehen. Ich glaube, es liegt einfach an der Art und Weise, so viele Möglichkeiten zu haben und dazu dabei so vollkommen allein zu sein. Ich habe ständig das Gefühl, mich jedes Mal aufs Neue entscheiden zu müssen, ohne dabei richtige Emotionen damit verbinden zu können. Es ist alles eine perfekte Inszenierung einer Situation, die nur künstlich entstehen kann.

Aber ich brauche den Zauber.

Den Zauber des ersten unerwarteten Blicks, den Zauber des ersten spontan gesprochenen Wortes. Den Zauber der ersten natürlichen Geste. Den Zauber des ersten Moments, des ersten Gefühls. Den Zauber des Nicht-Wissens, ob der Gegenüber tatsächlich Interesse hat. Daran kann ich mich festhalten und spüren, dass dies wirklich gerade stattfindet. Das alles verliert an Unbeschwertheit im Schatten einer über Tage oder sogar Wochen wie ein Kaugummi hingezogenen Kommunikation zwischen Chatnachrichten und aufgebauten Erwartungen.

Ich glaube, es gibt zwei Arten von Menschen, wenn es um virtuelles Dating geht. Diejenigen, die sich ohne Scheu in jedes zweidimensionales Kennenlernen stürzen und auch gut 7 Chat Partner gekonnt koordinieren können. Sie sammeln Nachrichten wie Trophäen, fühlen sich bestätigt, begehrt, interessant und gewollt. Kaum einer kann behaupten, eine App wie Tinder zu besitzen und still und heimlich auf das Match zu warten. Irgendwann gibt man nach und fängt eine Unterhaltung nach der anderen an. Und aus einem „Ne, gar nicht mein Fall!“ wird schleichend ein „Sieht doch ganz sympathisch aus, wieso eigentlich nicht?“

Und dann gibt es die, die sich durch jede weitere Konversation irgendwie erdrückt fühlen. So als stände man in der Mitte eines Kreises mit seinen Matches und jeder erwartet von dir, dass du dich nur ihm widmest. Das Freie, Unverfängliche und Spontane ist in meinen Augen genau das, was einen in jede Richtung ablenkt. Und virtuell kann es eben nicht frei, unverfänglich und spontan sein. Es sei denn man löst uninteressant gewordene oder merkwürdig verlaufende Gespräche mit der alt bekannten Ghost-Methode und verschwindet von der Bildfläche. Das ist spontan, unverfänglich und frei – und leider scheiße dazu.

Aber ansonsten sind es Assoziationen, die ich mit realen Begegnungen impliziere. Ich meine, wie frei kann eine Unterhaltung schon sein, bei der man immer die Möglichkeit hat, sich für Antworten Zeit zu lassen, sich mit Freundinnen zu besprechen oder vorher nach dem perfekten Wortlaut zu suchen? Bei einem be to be Treffen musst du eben durch das glänzen, was dein Gehirn in dem Moment produziert. Du musst blitzschnell entscheiden, reagieren und agieren. Daher ist es auch so schwer, sich langfristig verstellen zu wollen. In den Millisekunden Zeit, die wir zum Reagieren auf Sätze haben, zeigen wir (früher oder später) immer die Person, die wir tatsächlich sind. Weil uns unser wahres Ich eben doch am leichtesten fällt.

Und wie spontan kann eine Unterhaltung schon sein, die auf einem vorangegangenen Match basiert? 70% der Kandidaten, mit denen ich ein Match hatte, schrieben mich auch prompt an. Darüber freut man sich natürlich, aber es wird auch vorhersehbar, fast schon „normal“. Ich war dann sogar überrascht, wenn es einmal jemanden gab, der mich trotz Match nicht anschrieb. Denn auf Tinder gilt doch: Ein „Hallo“ kostet nichts und ist schneller in den virtuellen Kanal geschickt, als ein spritziges Anquatschen zwischen Supermarktregalen oder in der Fußgängerzone.

Und wie unverfänglich kann eine Unterhaltung schon sein, die zwischen zwei Menschen stattfindet, die dabei die höchsten Erwartungen an das Gegenüber stellen und dabei vorhersehbare Motive regelrecht in der Luft hängen. Niemand sucht schließlich einen neuen besten Freund bei Tinder. Beide wissen, wieso sie angemeldet sind und warum man sich matcht. Wo aber die unterschiedlichsten Erwartungen in Sekunden aufeinandertreffen können, sind Zwickmühlen oft vorprogrammiert. Eigentlich hilft da nur ein ehrliches „Tut mir Leid, aber ich finde dich dezent langweilig.“, aber selbst im anonymen Internet gibt es plötzlich eine Hemmschwelle. Ein „Hallo“ bei Tinder kostet zwar nichts, ist aber nie so unverfänglich, wie man denkt. Denn es ist der Startschuss zu einer Unterhaltung, dessen Verlauf man natürlich nicht kennen kann. Man setzt und wartet auf den nächsten Zug des Gegenübers und muss dann irgendwie weiterspielen.

Ja, vielleicht ist Tinder auch nur ein Spiel und genau als solches sollte man es nicht ernst nehmen. Sich nicht ständig den Druck machen, man müsse Match-kompatibel sein. Kaum Matches haben und direkt denkt man, man sei uninteressant. Wie frei sind wir da eigentlich noch in unserer Selbstwahrnehmung? Die Gefahr, seine Attraktivität von der Resonanz durch eine App abhängig zu machen, ist leider groß.

Dating Apps mögen für viele eine tolle Erfindung und Bereicherung ihres vielleicht eingeschlafenen Alltags sein, ich verliere durch sie jedoch nur das Gefühl dafür, wie ich mich in der Realität verhalten würde. So viele Bekanntschaften man auch macht: Wie viel sind sie dir eigentlich wert?

Schon lange habe ich mich wieder abgemeldet. Tinder, du und ich, das war nun mal kein Match.

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