Warum wir weiterhin von Feminismus sprechen sollten

Feminismus ist Trend.
Dieser Satz mag provokativ sein, ist meines Erachtens nach aber nicht völlig falsch. Treibt man sich die letzte Zeit in Internet und Medien herum, kommt man um #Girlboss, #Girlpower, etc. nicht herum.

Und ganz ehrlich: Manchmal nervt es irgendwie. Manchmal fragt man sich, ob es sich hierbei nur um einen „Trend“ handelt, oder ob da wirklich noch etwas dahintersteckt. Ich schätze, dieses Genervt-sein findet sich auf beiden Seiten – bei den Frauen, die sich so gar nicht für Feminismus interessieren können, und bei denen, die schon seit Jahren politisch aktiv sind und sich jetzt vermutlich wundern, woher genau eigentlich diese „plötzliche“ Begeisterung kommt.

Ich kann das irgendwo nachvollziehen. Und trotzdem behaupte ich, dass es gut ist, dass über Feminismus geredet wird. Es ist gut, dass ein Thema, das immerhin einen großen Teil von uns direkt und so ungefähr jeden indirekt betrifft, so aktiv und vielfältig diskutiert wird.

Ich persönlich bezeichne mich seit Jahren als Feministin und ja, in manchen Diskussionen schieße ich bei dem Thema über das Ziel hinaus. Gerade deshalb irritieren mich Aussagen wie diese immer wieder: „Ich würde nicht sagen, dass ich eine Feministin bin. Ich finde es unnötig, die Gleichheit von Männern und Frauen zu diskutieren, für mich ist das einfach selbstverständlich.“

Ich verstehe zwar den Gedankengang dahinter, konnte ihn aber lange nicht nachvollziehen. Für mich war er absolut paradox. Genau das war doch DER Grund, aufgrund dessen ich mich als Feministin bezeichne. Weil ich Männer und Frauen für absolut gleichberechtigt halte.

Beim Feminismus geht es nicht darum, die Rechte von Männern einzuschränken oder zu behaupten, dass Frauen besser und kompetenter sind als Männer. Männer runter zu drücken, um Frauen größer zu machen, ist genauso falsch wie die Unterdrückung von Frauen.

Faktisch müssen wir über die Unterdrückung von Frauen oder zumindest deren Benachteiligung gar nicht erst diskutieren. Frauen verdienen weniger. Frauen zerreißen sich zwischen Familie, Haushalt und Job. Bei Stellenanzeigen stolpert man gelegentlich über Aussagen wie „Frauen und Menschen mit Behinderungen werden bevorzugt behandelt.“ Weiblichkeit ist Seriosität abträglich. Ein Haufen Männer entscheidet darüber, was genau Frauen mit ihren Reproduktionsorganen tun dürfen – und was nicht. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Warum also sollte sich auch nur eine einzige Frau, die an die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Mann und Frau glaubt, nicht als Feministin bezeichnen?

Für mich war Feminismus immer Folgendes:
Es geht darum, die Möglichkeit zu haben, frei zu wählen, welchen Lebensweg ich beschreiten möchte. Darum, Wege zu ebnen und Möglichkeiten zu schaffen. Eine Prinzessin sein zu wollen, weil ich Prinzessinnen toll finde. Oder Mechanikerin werden zu wollen, weil ich total auf Autos stehe. Es geht darum, dass beide Positionen völlig okay sind – und darum, dass ich nicht aufgrund meines Geschlechtes daran gehindert werde, den Weg zu verfolgen, den ich für mich gewählt habe. Was übrigens gleichermaßen für Männer wie für Frauen gilt.
Etwas, von dem alle nur profitieren können.

Das dachte ich zumindest. Bis ich begann, mir tatsächlich mal Gedanken zu machen, über die Ideale, die ich da vertrete und was genau sie eigentlich mit Feminismus zu tun haben. Denn wie auch bei vielen anderen Sachen ist es so: Alles ist eine Frage der Definition.

Feminismus trug im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Gesichter und hatte – wie bei so vielen abstrakten Ideen – viele verschiedene Interpretationen erfahren, sowohl aus „der Bewegung“ selbst heraus als auch von außen. Eine Übersicht gibt es beispielsweise hier. Eines hat sich für mich dabei immer mehr herauskristallisiert: DEN Feminismus gibt es nicht.

Die engste Version, die mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, ist vielleicht die des Dudens:
„Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z.B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt.“

Und ich sage bewusst „vielleicht“, weil auch der Duden nicht unfehlbar ist und man auch hier vermutlich ausreichend Kritik üben kann: Welche Frauenbewegung ist hier gemeint? Was wird hier als „die patriarchalische Kultur“ bezeichnet? Und so weiter und so fort.

Schon allein der Nebensatz „von den Bedürfnissen der Frau ausgehend“ – aus meiner Position heraus, nämlich der, dass Feminismus durchaus auch für Männer vorteilhaft ist (beispielsweise dadurch, dass Lebenswege jenseits der als „maskulin“ empfundenen gewählt werden können), ist dieser Nebensatz nicht haltbar. Aus einer anderen Sichtweise vermutlich schon.

Und wieder andere, deren Selbstdefinition einer „Feministin“ ein völlig anderes Ausmaß hat als meine, werden mich für meine Position verurteilen. Völlig verständlich und entsprechend ihrer eigenen Logik. Soziale und politische Bewegungen sind keine mathematischen Formen – sie bestehen aus unübersichtlichen Zusammenhängen, tausenden Variablen und subjektiven Auffassungen.

Worauf genau möchte ich mit diesen verworrenen Überlegungen hier eigentlich hinaus?

Ich schätze, darauf, dass es nicht schlimm ist, keine Feministin sein zu wollen. Dass es okay ist, wenn ich mich mit etwas nicht identifizieren kann, weil es nicht meinen persönlichen Vorstellungen entspricht. Ich behaupte auch, dass es wichtig ist, sich und die eigene Haltung hin und wieder zu hinterfragen und sich damit auseinanderzusetzen, inwieweit diese angemessen und tragbar ist.

Vor allem aber möchte ich auf folgende Frage antworten:
Wenn Feminismus sowieso irgendwie persönlich definiert ist, wenn wir doch alle eigentlich dasselbe meinen und nur unterschiedlich drüber sprechen – brauchen wir denn diese ganze Feminismus-Diskussion noch?

Trotz meiner vorherigen Überlegungen behaupte ich: Ja. Auf jeden Fall. Unbedingt. Gerade deswegen.

Denn erst, wenn wir über Dinge reden, können wir unterschiedliche Positionen abgleichen. Und darüber reden können wir erst, wenn wir eben genau das tun: Dingen einen Namen geben und sie thematisieren. Über Feminismus sprechen. Und vielleicht Feminismus überdenken und uns fragen, was genau Feminismus denn jetzt ist und ob wir das brauchen.

Gerade deswegen müssen wir weiter darüber reden, genau deswegen sind Dialoge und Diskurse so wahnsinnig wichtig. Weil wir dann in der Pflicht sind, uns mit Themen auseinanderzusetzen und eine eigene Position zu finden. Auch wenn es manchmal anstrengend und nervenaufreibend ist.

Weil ich der Meinung bin, dass eine Gesellschaft, in der eine Frau ohne Probleme genauso gut Hausfrau wie auch Automechanikerin oder Chirurgin, in der ein Mann genauso gut Kindergärtner, wie Top-Manager, Hausmann oder Müllmann werden kann – immer vorausgesetzt, dass sie oder er das aus freien Stücken tut – die Mühe und den Aufwand und die Nerven absolut wert ist.

Gastautorin: Eva

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