Was ich denk und was ich tue, trau ich auch jedem anderen zu.

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„Und, was machst du jetzt, wieder mal auf den Kiez feiern gehen und einen auf Single machen mit deinen bitchigen Freundinnen?“ Seine Frage trifft mich völlig unvorbereitet. Ziehe gerade meine Schuhe an, sehe auf und alles in mir zerbricht.

Es ist dieses Gespräch, das wir seit einem Jahr viel zu oft führen. Dann geht es um Rocklängen oder Ausschnitte, Absätze oder Lippenstifte, meistens einfach nur ums Ausgehen und Tanzen an sich, ums Spaß haben und sich mit einem Drink in der Hand nach einer Stunde vor dem Spiegel unter Leute zu mischen. „Nur Frauen, die einen abschleppen wollen, brezeln sich so nuttig auf und gehen zum Samstag abend in schäbige Clubs.“, betrachtet er mich kritisch mit verschränkten Armen, als ich in meine Stiefel schlüpfe. Es ist dieser Blick, der dich mit Handschellen an die Couch fesseln will, die pure Kritik, nein – Verachtung, Geringschätzung.

Ich weiß nicht, warum ich überhaupt antworte. Warum ich Hoffnung habe. Auf ein: „Viel Spaß, meld dich, pass auf dich auf.“ Ob das hier fehlendes Vertrauen gepaart mit Eifersucht oder schlicht das falsche Frauenbild und Machogehabe ist. Warum ich mir das überhaupt noch gebe. Ich weiß es nicht. Denn es ist immer wieder das Gleiche.

Ein BH-Träger, ein bisschen Spitze, das aus dem Ausschnitt rausguckt, wird zur Zündschnur.

Als würde er verkrampft Fehler an mir suchen. Gründe, mich mit Respektlosigkeit strafen zu können. Ausflüchte, sich über mich zu stellen, mehr wert zu sein, als ich. Ich dagegen: Einfach nur billig. Scheinbar. Sagte er. Wegen eines Stücks Spitze, das aus dem Ausschnitt guckt.

Ich will ihm eine knallen, mindestens aber meinen Kopf gegen die Wand, entscheide mich dann dafür, meinen Groll runterzuschlucken, die Tür zuzuziehen und in die Nacht zu gehen. Sogar das: „UND WENN ICH NACKT AUF DEN KIEZ GEHEN WÜRDE, ES IST NICHT DEIN VERDAMMTES PROBLEM, OKAY?“, das in meinem Kopf laut gegen alle Wände hämmert, kommt einfach nicht aus mir raus. Ein Abend, ohne Spaß, den ich gegen zwei Uhr missmutig beende. Als Rebellion kann man das nicht bezeichnen.

Viele Monate später muss ich immer noch schlucken, wenn ich daran denke, wie klein ich mich gemacht habe. Wie sehr ich mich nach Wertschätzung verzehrt habe. Möchte schreien, dass es verdammt nochmal meine Sache ist, welchen Teil meines Ausschnitts ich der Welt präsentieren möchte. Dass die Entscheidung, ob ich Bikinifotos auf Instagram poste oder nicht, meine ist, und nicht seine, weil dieser Körper nunmal mir gehört, basta.

Das Schlimme ist: Wenn du Menschen einmal so nah an dich herangelassen hast, kannst du nicht anders, als auf ihre Meinung Wert zu legen. Als ihnen gefallen zu wollen. Dann scheißt du nicht auf alles. Nicht komplett zumindest. Nie. Aus Angst. Weil das hier keine Augenhöhe ist.
Da sind Menschen, die mit ihren Aussagen dafür sorgen, dass du dich schlecht und unglücklich fühlst. Das können Freunde sein, Eltern, Bekannte oder dein Beziehungspartner. Bei letzteren ist es am schlimmsten. Weil es die sind, die du freiwillig und so nah wie niemanden sonst in dein Leben lässt. Wenn diese Menschen dann nicht dich sehen, deine Lebensfreude, deine Loyalität und deinen Spirit, sondern dich auf einen rausschauenden BH Träger oder nackte Oberschenkel reduzieren – dann tut das weh.

Erst habe ich mich ganz lange gewehrt. Dann habe ich mich einfach nur missverstanden gefühlt. Und irgendwann – auch wenn ich das kaum wage auszusprechen – tatsächlich an mir gezweifelt. War mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich okay so bin, wie ich bin. Überlegte morgens dreimal, was ich anziehen und wem das wie gefallen sollte. Wurde vorsichtiger. Nachdenklicher. Ruhiger. Weniger ich. Wenn man in dieser Geschichte gefangen ist, fängt man in diesem Moment wirklich an, sich zu fragen, ob man grundlegend falsch ist. Es war eine Spirale nach unten, und es hat lange gedauert, bis ich die Ursache, den Fehler, den Auslöser erkannt habe – das falsche Denken bei jemand anderem – und wieder in meine Ausgangsrolle, die einzig richtige, zurückschlüpfte: Und wieder begann, mich zu wehren.

Slutshaming? WEHREN.

Woran das liegt, diese Tendenz zum Slutshaming, diese Nichtachtung, dieser fehlende Respekt? Ich habe das oft mit meinen Freundinnen diskutiert. Letztendlich, unabhängig von Geschlechtern und Rollenverteilung sind wir auf drei Punkte gekommen:

x „Was ich denk und was ich tue, trau ich auch jedem anderen zu. Ich bin kein aufrichtiger Mensch. Ich würde Menschen, die sich so anziehen wie du, schäbig anmachen. Und wenn ich so etwas tun würde, dann du ja locker auch.“
x „Ich bin unsicher. Ich fühle mich eingeschüchtert, ich weiß nicht, wie ich das hier einordnen soll – deswegen mache ich dich lieber klein. Reduziere dich auf Äußerlichkeiten. Stelle mich über dich, als wäre ich etwas Besseres. Als hätte ich über deine Haut und was davon rausschaut, deine Oberschenkel oder deinen Ausschnitt zu entscheiden. Strafe dich mit Respektlosigkeit.“
x „Ich weiß es einfach nicht besser. Ich wurde so erzogen, dass sich so etwas, so viel Haut, nicht gehört, habe diese eingeschränkte Perspektive und habe einfach nicht das Rückgrat diese zu hinterfragen und zu sehen, was für ein großartiger Mensch du abseits deines Ausschnitts bist. Dass du so viel mehr bist als das.“

Das hier, war eine echte Erkenntnis für mich. Für den Moment habe ich gelernt. Weiß es jetzt besser. Würde anders reagieren. Mein Körper gehört mir. Ich kann anziehen was ich will. Gestalte mein Leben so, wie ich es will.

Bloggerin mit Schreiberherz, sieht die Welt am liebsten durch den Sucher ihrer Kamera. Teilzeit-Studentin, Vollzeit-Serienjunkie, immer auf der Suche nach neuer Inspiration und unheilbar an Fernweh erkrankt. Redet viel buntes, träumt in schwarz-weiß, will am Meer leben und ganz alt werden – aber nie erwachsen.

3 thoughts on “Was ich denk und was ich tue, trau ich auch jedem anderen zu.

  1. Es macht so spass und ist mindeStens geNauso spannend sich die verschiedenen beiträge auf „zielstreberin“ durchzulesen. Wie auch auf luiseliebt wirkt alles hier sehr authentisch. Top Idee und umsetzung. Weiter sO!

  2. Hast du nicht diesen Artikel schon auf luiseliebt hochgeladen und den über die Dates auch? Kommt mir beides sehr bekannt vor. Finde ich schade, hätte eher auf neue Inhalte gehofft…

    • Ja, aber sie passen thematisch hier perfekt rein, sind auf luiseliebt schon „verjährt“ und helfen einem frischen Magazin, seine Menge an Content aufzuwerten. Wie du gesehen hast, lieber Flo, gibt es hier nur drei Luiseliebt-Artikel und zig anderen, neuen Content! 😉

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