Aber was ist, wenn man kein Ziel hat?

 

Es heißt, man muss Mut haben, seinen Traum zu verfolgen. Sein Ziel vor Augen haben und darauf hinarbeiten. Seine Wünsche genau ausmalen, um sich zu motivieren. Was aber, wenn man kein festes Ziel hat? Keinen Traumberuf, den man anstrebt? Wie motiviert man sich für etwas, das man nicht gefunden hat?

Als ich mein Abitur in der Tasche hatte, war für mich klar: Ich will ans Theater! Und zwar hinter, nicht auf die Bühne. Am liebsten als Dramaturgin. Und schon setzte ich alles daran, den Wunsch in die Tat umzusetzen. Ein einjähriges Praktikum am Theater ließ mich erste Erfahrungen sammeln. Es folgten ein Studium der Theaterwissenschaft und weitere Praktika. Und irgendwann erkannte ich: Ich will das nicht mehr.

Ich will mich nicht dauernd mit Idealisten streiten. Nicht am Feiertag für eine extra Probe kommen, um die Kunst noch ein kleines Stückchen mehr auszufeilen. Einen Regisseur für seine künstlerische Brillanz in den Himmel loben, obwohl er menschlich absolut unfähig ist.

Ich habe gemerkt, dass mein Idealismus und meine Liebe zur Kunst nicht stark genug sind. Ich bin nicht bereit, mein Leben komplett dem Theater zu opfern. Denn Zeit für Privates, für Freunde und Familie bleiben kaum. Wer ans Theater möchte, muss dafür brennen – und zwar zu 100 und nicht zu 95 Prozent.

Da stand ich also: Ich hatte keine Ahnung, welche Richtung ich beruflich einschlagen wollte, aber ich wusste sehr genau, was ich nicht möchte. Wie sollte es nun weitergehen? Wie kann man weitermachen, wenn der vermeintliche Traumjob nicht mehr der richtige ist und man keine Ahnung hat, was man sonst machen kann?

Der erste Schritt ist, sich der Realität zu stellen. Manche Jobs sind in der Vorstellung vielleicht magisch, die Wirklichkeit kann aber ganz anders aussehen. Bevor man also eine Ausbildung oder Studium in diese Richtung beginnt, ist es sinnvoll, sich den Beruf vorher genau anzusehen. Praktika sind dank dem Mindestlohn zwar nicht mehr so einfach zu bekommen, manchmal muss man aber auch einfach hartnäckig sein und um einige Ecken gucken. Wenn der Job den Erwartungen entspricht – super! Wenn man aber feststellt, dass der Beruf eigentlich ganz anders aussieht, als gedacht – dann merkt man das besser früher als später. Falls der Traumjob einen immer noch nicht loslässt, sollte man, wenn möglich, noch ein zweites Praktikum ausprobieren, um herauszufinden, ob das Missfallen im ersten Praktikum vielleicht auch betriebsabhängig war.

Wenn man bisher keinen Traumjob gefunden hat, oder der ursprüngliche doch nicht das richtige ist, kann man aufschreiben, was man von einem Job erwartet. Soll es ein vielseitiger Beruf sein? Soll er draußen und in Bewegung ablaufen? Ist die Vorstellung, jeden Tag in ein Büro zu kommen, schmackhaft? Würde man für einen Job, den man mit voller Leidenschaft ausübt, das Privatleben zurückstellen? Wie wichtig sind die Gehaltsvorstellungen? Wenn man in sich gegangen ist und sich darüber im Klaren ist, wie man sich die beruflichen Bedingungen und das Umfeld vorstellt, ist es leichter, eine Richtung einzuschlagen und die Suche einzugrenzen. Außerdem sollte man sich immer vor Augen halten: Es ist gut, wenn man weiß, was man will. Aber auch zu wissen, was man nicht will, ist sehr wertvoll und hilfreich.

Vielleicht muss man auch Kompromisse machen. Vielleicht kämpft man ewig für einen Traumjob, der schlussendlich nicht erreichbar ist. Dabei hilft ein gesunder Pragmatismus. Immer weniger Leute bleiben in den Berufen, die sie als erstes begonnen haben. In meinem persönlichen Umfeld haben sich viele mit Mitte vierzig noch einmal umorientiert. Also kann man guten Gewissens danach suchen, was jetzt erfüllend ist. Vielleicht wird das nicht der Job fürs Leben. Dann muss man wieder neu beginnen.

Vor allem muss man sich aber klarmachen: Auch wenn man in Augen anderer vielleicht versagt hat, wenn man hingefallen ist, wenn man wieder von vorn anfangen muss – die Erfahrungen waren nicht umsonst. Man ist um sehr lehrreiche Erlebnisse reicher geworden. Vielleicht ist man an den eigenen Plänen gescheitert. Das ist okay! Jetzt geht es darum, sich neu zu ordnen und in neue Bereiche zu blicken.

In meinem Fall habe ich während und nach dem Bachelor sehr viele Praktika gemacht und verschiedene Richtungen ausprobiert. Dabei lernte ich auch meine Fähigkeiten und Möglichkeiten neu kennen. Einen neuen ultimativen Traumberuf habe ich dabei noch nicht gefunden. Also werde ich weiter suchen, mich ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Nur, aufzugeben erlaube ich mir nicht. Ab und zu hinzufallen ist in Ordnung, aber dann muss ich aufstehen und weitermachen. Ein Ziel verfolgen, das ich noch nicht gefunden habe. Ziellos zielstrebig eben.

Gastautorin: Charlotte

 

 

 

2 thoughts on “Aber was ist, wenn man kein Ziel hat?

  1. Hallo Charlotte,
    Dein Text spricht mir so aus dem Herzen, ich habe jetzt über 1 Jahr lang zwar gewusst was ich nicht wollte, aber immernoch nicht rausgefunden was ich stattdessen will. So dass ich frustriert war und auch etwas aufgegeben hatte. Aber jetzt packe ich es wieder an ich gehe in meinen alten Job zurück, auf eine etwas andere Art und Weise, d.h. andere Stadt, anderer Arbeitgeber und ein etwas veränderter Arbeitsbereich. Ich habe nicht aufgegeben, dass zu suchen was ich wirklich zu 200% will, aber ich habe auch gemerkt dass meine Situation in den letzten Monaten erst recht nicht glücklich gemacht hat. Und ja wer weiß, vielleicht ergibt sich in der neuen Stadt bei dem neuen Arbeitgeber ja etwas, was ich verzweifelt gesucht habe.

    Liebe Grüße
    Steffi

  2. Vielen Dank für diesen wundervollen Text! ich bin bis jetzt immer eine stille Leserin gewesen, aber heute zu diesem Text musste ich ein Kommentar schreiben. Mir geht es gerade sehr ähnlich! Ich hatte nie den EINEN traumjob. Klar, als Kind hab ich jeden Tag einen anderen Traumjob im Kopf gehabt, aber als ich älter wurde, war das bei mir leider nicht der Fall. Nach meinem Bachelor habe ich einen Job gesucht, nebenher gejobbt, ein Praktikum gemacht und jetzt steh ich wieder an dem Punkt: Was jetzt? Ich überlege mich nochmal ganz neu zu orientieren und bin im Moment sehr hoffnungslos. Aber dein Text hat mir so viel Mut gegeben und spricht mir aus der Seele.
    Viele Grüße,
    Svenja

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