Weißt du noch was von letzter Nacht?


Langsam öffne ich meine Augen. Panisch schaue ich mich um. Weiße Kommode mit Schminke darauf. Ein großer Kleiderschrank in meinem Rücken und zu meinen Füßen das Bett einer guten Freundin. Ich krame unaufhörlich in meinem Hirn nach den letzten Stunden, bevor ich auf dieser Matratze einschlief, aber da ist nur eine großes Loch. Neben mir wird langsam meine Freundin wach. Ich erfahre, dass wir nach Hause gelaufen sind, nichts Schlimmes passiert ist. Mir fällt dabei auf, dass ich den Typen, in den ich verliebt bin, angerufen habe und gebeten habe, abgeholt zu werden. Eine halbe Stunde später sitze ich im Bus nach Hause. Zerzaust und mit dem unguten Gefühl, diesen Mann heute noch zu sehen.

Es ist 3 Uhr nachts. Keine 10 Meter von mir entfernt feiern hunderte Leute sich, den Abend und das Vergessen des Alltags. Derweil stehe ich vor den Türstehern und komme nicht mehr hinein, weil meine Eintrittskarte irgendwo auf der Tanzfläche liegt. Neben Geldbeutel und Würde. Die Arme sind eiskalt. Ich muss schon eine ganze Weile draußen herumgeirrt sein und komme jetzt erst wieder zu mir.

Wenigstens umklammere ich mein Handy fest und habe die Handtasche über der Schulter. Ich schreibe einem Bekannten, der nach draußen kommt und mir hilft. Meine Jacke hole ich zwei Tage später ab, weil auch meine Garderobenkarte nicht zum Hereinkommen gereicht hat.

Niemandem ist so was unbekannt – ein Blackout. Wenn nicht selbst erlebt, zumindest aus Geschichten bekannt. Manche tragen in diesem schwarzen Loch deutlich tragischere Geschichten als ich. Andere werden das Geschilderte bereits schockierend finden. Beides vollkommen in Ordnung. Das Einzige, was für mich nicht in Ordnung ist, ist, so weiterzumachen.

Wir kennen sie alle. Die mahnenden Worte von Lehrern, Eltern, manchmal sogar von Freunden oder unserem Unterbewusstsein. Unser Alkoholkonsum solle bedenklich sein? Wir würden zu oft abstürzen? So ein Quatsch! „Schaut euch die ganzen Leute an, die wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen oder sich prügeln!“, sagt man dann. Schleuderte ich meinem moralischem Ich auch immer vor.

Vor ein paar Monaten wurde ich bei einem Mädelsabend von guten Freundinnen gefragt, wieso ich nicht mehr mitgehen würde zum Feiern, Party machen. Meine Antwort: „Keine Zeit“. Eine hakte nach: “Sicher, dass es nur das ist? Hast du Angst, die Kontrolle zu verlieren? Wir verstehen das.“ Ich verneinte es und empfand es als abwegig.

Bin ich aber heute ganz ehrlich mit mir, muss ich sagen, dass sie recht hatte. Es brauchte einige gute Ereignisse in meinem Leben und viel Selbstreflektion, bis ich mir eingestand, dass ich mit dem Party machen jedes Wochenende nur meine Probleme vor mir wegschob, dass ich dem Alltag entfliehen wollte. Aber ich will nicht mehr die Kontrolle verlieren. Will nicht mehr, dass sich reale Erinnerungen mit den Träumen dieser Nächte mischen. Wenn ich einen schlechten Abend habe, werde ich ihn mir auch nicht schön trinken können, aber an einen guten will ich mich auch Wochen danach noch erinnern können. Lieber feiere ich das Leben gar nicht, als mich am nächsten Tag nicht mehr daran zu erinnern, wieso ich es überhaupt tue.

In Folge dessen habe ich mir am ersten Januar nur einen Vorsatz gesetzt: meinen Alkoholkonsum zu überdenken. Ich möchte an einem Mädelsabend weiterhin einen Cocktail schlürfen, in einer entspannten Barrunde ein Bier trinken oder auch mal mit verzerrtem Gesicht einen Shot runter kippen, wenn mir danach ist.

Beim Geruch von Alkohol soll mir nicht mehr schlecht werden und ich möchte mich auch mal bewusst gegen das Trinken entscheiden, um dafür einen klaren Kopf zu haben und mit dem Auto jederzeit sicher heimkommen zu können.

Gastautorin: Madelaine

2 thoughts on “Weißt du noch was von letzter Nacht?

  1. Dieses Gefühl sich nicht mehr erinnern zu können, was in den vergangenen Stunden passiert ist , ist wirklich furchtbar. Diese Ungewissheit und die Scham. Am nächsten Morgen kommt dann das Bereuen.
    Ich habe auch seit September eine kleine Alkoholpause eingelegt. Sowohl aus Gründen der Vernunft, als auch meiner Gesundheit zu Liebe. Alkohol ist ein Gift. Das vergisst man so leicht. Und eine Droge. Es gibt so viele Menschen, die voll im Leben stehen und trotzdem immer wieder zum Alkohol greifen. Und dann abtauchen in eine schönere Welt. Ich möchte gar nicht erst in die Situation kommen, abhängig vom täglichen Glas Wein zu sein.

  2. Ich habe seit über einem Jahr meinen Alkoholkonsum auf ein Minimum reduziert. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich nur trinke, um zu trinken. Ich habe den Genuss von einem wirklich guten Cocktail verlernt. Und noch vor Jahren habe ich getrunken, um negative Gefühle zu ersticken. Geendet hat das aber nur damit, dass ich mich gefragt habe, was wirklich passiert ist in einer Nacht und was ich vielleicht geträumt habe. Und am nächsten Morgen habe ich mich nur schlechter gefühlt. Negative Gefühle muss ich mittlerweile nicht mehr auf diese Art „bekämpfen“, glücklicherweise. Ich fühle mich viel besser, seit ich nur noch ab und zu aus Genuss ein Glas Wein trinke. Schwierig nur, wenn die meisten deiner Freunde das nicht akzeptieren wollen. Vielleicht, weil sie dann ihr eigenes Trinkverhalten mal reflektieren müssten.

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