Wie es ist, seine Eltern zu verlieren

Ich habe meine Eltern verloren, als ich fünf und fast sieben Jahre alt war. Ich kann mich kaum mehr erinnern. An meinen Vater überhaupt nicht mehr. Irgendwie erschreckend, weil viele sich ab drei Jahren an Ereignisse erinnern können. Was meine Mama betrifft, kann ich mich noch genau an ein Erlebnis erinnern. Ich habe Hausaufgaben gemacht, etwas ausgemalt und irgendwann musste sie an dem Tag gehen, ich habe ihr angesehen, dass es ihr nicht gut ging. Sie kam nie wieder. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob sie sich von mir verabschiedet hat oder ob sie dafür zu verwirrt war. Bei allen anderen Erinnerungen bin ich mir nicht sicher, ob es wirkliche sind oder, ob ich es nur geträumt habe.

Mein Vater hatte Krebs. Er wusste, dass er sterben wird und lebte noch ein Jahr. Ich frage mich häufig, was er wohl am meisten vermisst. Woran er dachte, als ihm klar wurde, dass er seine vier Kinder nicht mehr aufwachsen sehen wird. Er fehlt mir, auch wenn ich mich nicht mehr an den Alltag erinnern kann, den ich mit ihm hatte. An einem seiner Todestage war ich sehr traurig, aber durch diese Trauer wurde mir auch klar, dass ich tief in mir vielleicht doch noch weiß, wie es mit ihm war und wie er war. Warum sonst bin ich dann so traurig?

Meine Mama ist plötzlich gestorben. Es hätte jeden Tag passieren können und obwohl fast 40 Jahre nicht lange sind, bin ich dennoch dankbar, dass es überhaupt so viele geworden sind.

Nach dem Tod meiner Eltern kam ich mit meinem Bruder zu Verwandten und deren Kindern. Ich bin sehr froh, dass mein jüngerer Bruder mit mir dort war und ich innerhalb meiner Familie aufwachsen konnte. Trotzdem habe ich mich nie richtig wohlgefühlt. Es ist einfach nicht dasselbe bei anderen wie mit der eigenen Familie, den eigenen Eltern. Meine anderen Geschwister waren damals schon älter und kamen zu Bekannten. Später zogen sie wieder in unser Elternhaus. Mittlerweile lebe ich auch wieder dort.

In meiner Kindheit gab es schulische Probleme, konnte mich nicht konzentrieren und habe mich nicht sehr für die Schule interessiert. Natürlich war ich auch nicht mehr das unbekümmerte Kind, sondern oft eher zurückgezogen und ängstlich. Außerdem kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich irgendwann dachte: „Wenn ich immer traurig bin, wenn ich an Mama denke, dann versuche ich eben gar nicht mehr an sie zu denken.“

Und mit diesem Verdrängen begann auch irgendwie das Vergessen, aber nur für einige Zeit. Die Trauer war immer da, zwar verdrängt, aber sie brodelte an der Oberfläche. Erst später in der Pubertät kamen die Gedanken daran, dass meine Eltern gestorben sind wieder, unterbewusst wusste ich es immer, aber wollte nicht daran denken. Es fing an, als ich ungefähr 13 war und das erste Mal erwähnte ich sie wieder beim Tagebuchschreiben.

Zu all den normalen Problemen, die die meisten Jugendlichenn haben, kommt noch dieses große Paket Trauer hinzu. Ich weiß nicht, wie sich andere Trauer vorstellen, die noch keine Erfahrungen damit haben und ob sie überhaupt darüber nachdenken. Aber Trauer ist mehr als Traurigkeit. Es ist eine tiefe Traurigkeit. Bei den einen für einen kurzen Zeitraum, bei anderen für einen längeren. Es kommt auch sehr darauf an, wie die Beziehung zu dem Verstorbenen war und unter welchen Umständen jemand gestorben ist. Trauer kann aber auch Wut sein auf sich selbst, auf den Verstorbenen, vielleicht auch auf Gott oder das Schicksal oder natürlich auch auf den Fahrer, der einen Unfall verursacht hat oder jemand, den eine Mitschuld am Tod trifft.

Viele Dinge verändern sich. Oft ist nichts mehr wie vorher, viele müssen sich erst einmal wieder zurechtfinden in ihrem „neuen“ Leben. Noch heute kämpfe ich mit Unsicherheit und Selbstzweifeln. Es ist vielleicht nicht nur auf die Trauer zurückzuführen, aber seinen Teil hat es bestimmt dazu beigetragen.

Trauer ist bei jedem unterschiedlich.

Das Schreiben hilft mir sehr. Sprechen kann ich darüber zwar noch nicht, aber ich denke es ist wichtig, sich selbst keinen Druck zu machen und Geduld mit sich zu haben. Ich habe mich vor ein paar Jahren in einem Forum für trauernde Kinder und Jugendliche angemeldet. Es hat mir sehr geholfen und hilft mir immer noch. Endlich werde ich verstanden und kann mich mit Menschen austauschen, die ähnliches erlebt haben. Ich würde jedem, der nicht darüber reden kann, aber Hilfe sucht, solche Seiten empfehlen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass man sich Fragen beantworten lässt. Ich wusste vieles über meine Eltern und ihren nicht mehr. Eine zeitlang haben eine Verwandte und ich uns in Briefen darüber ausgetauscht. Ich konnte ihr all meine Fragen stellen und kann das auch heute noch. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, auf die Fragen, die zu beantworten sind, Antworten zu bekommen. Am Ende bleiben so viele Fragen, aber wenigstens die quälen einen nicht mehr.

Vor kurzem war ich bei einer Psychologin. Bei ihr hat es mir nicht so gut gefallen. Es lag einfach daran, dass ich aus irgendeinem Grund nicht viel sagen konnte. Jetzt bin ich bei einer anderen und es ist viel angenehmer. Sie macht mir keinen Druck, sondern meint auch selbst, dass ich mir Zeit lassen soll, aber dass ich irgendwann darüber reden sollte. Das würde ich auch jedem raten: Sich Zeit lassen, nicht unter Druck setzen und vor allem auch mal auf sich selbst hören, was einem gut tun könnte und dann ausprobieren. Etwas, das vor einem Jahr geholfen hat, muss heute nicht mehr helfen, aber kann es. Wir verändern uns schließlich jeden Tag, vor allem in einer schweren Zeit.

Genauso wie darüber zu reden, fällt es mir schwer, Gefühle zuzulassen. Weinen ist gar nicht so einfach, aber Tränen müssen irgendwann geweint werden.

Was auch vielen hilft, ist der Glaube. Egal ob an Gott, das Schicksal oder anderes. Sich an etwas festhalten zu können oder daran zu glauben, dass man sich nach dem Tod wiedersieht, kann wirklich sehr helfen.

Außerdem ist es nötig, wieder ins Leben zu finden, sich auch mal abzulenken und wieder Spaß zu haben. Ob mit Freunden, beim Sport, mit kreativen Hobbys oder Musik ist jedem selbst überlassen. Aber mal nicht an die Probleme zu denken, ist viel wert.

Es gab einen sehr wichtigen Schritt in der Vergangenheit, der mich weitergebracht hat. Ich bin zwar noch nicht ganz an meinem Ziel angekommen, was die Trauer betrifft, aber zu akzeptieren, dass die Trauer ein Teil bleiben wird, ist schon der erste Schritt. Dann ist es wichtig, sie auch anzunehmen und zuzulassen. Ich bin trotzdem ein positiv denkender Mensch. Vielleicht auch gerade deshalb, aber ich glaube, dass es besser werden wird und das Ziel nicht ist, den Schmerz aus dem Leben zu streichen, sondern mit ihm zu leben. Ich denke, das ist angenehmer, als ihn zu verdrängen und von sich zu erwarten, nicht mehr traurig zu sein. Diese Gedanken haben mir sehr geholfen. Genauso wie der Gedanke, dass ich eine schlimme Zeit in meinem Leben schon überstanden habe und dadurch vieles gerlernt habe und immer noch lerne.

Auch heute gibt es einfache, aber auch traurige Zeiten wie in jedem anderen Leben auch. Manchmal legt sich von einem zum nächsten Augenblick ein Schatten über den Tag. Wenn Prüfungstermine auf die Todestage oder Geburtstage fallen. Wenn ich etwas Bestimmtes in der Zeitung lese. Vielleicht auch die Namen meiner Eltern oder bestimmte Lieder höre. Wenn andere ähnliche Geschichten erzählen und das Wort Krebs benutzen. Es ist längst nicht mehr so schlimm wie früher. Mittlerweile kann ich den Tag doch noch genießen. Trotzdem sind es oft die Momente, in denen ich nicht daran denken möchte, dass sie gestorben sind, sondern mich lieber ablenken möchte und dann werde ich daran erinnert.

Sie fehlen mir einfach.

Das Problem ist nicht unbedingt, dass ich meine Eltern jetzt bräuchte, damit sie mir helfen. Mittlerweile bin ich fast 20 und kann das selbst. Das eigentlich Traurige ist, dass die Zeit einfach viel zu kurz war und ich diesen Teil von mir nie kennenlernen konnte und mich deshalb auch manchmal frage, warum ich so oder so bin. Aber nach und nach erkenne ich, dass es Eigenschaften von meinen Eltern sind. Dadurch dass ich sie aber von ihnen nicht kenne, denke ich, ich bin seltsam.

Meine Mama wäre vor ein paar Jahren 50 geworden. Ich denke an solche Jahrestage. Es gehört für mich dazu. Ich hab ihr ein paar Tage davor einen Brief geschrieben und, wie so oft beim Schreiben, kamen Worte heraus, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Es ging darum, dass ich nicht an ihr Grab gehen werde, ihr keine Blumen schenke, es war fast eine Art Entschuldigung. Aber ich kam zu dem Schluss, dass der größte Wunsch von Eltern ist, dass ihre Kinder glücklich werden und das ist auch das Einzige und Schönste, das ich ihnen noch schenken kann. Ich werde versuchen, glücklich zu werden und vielleicht hat es einen Grund, dass mir das passiert ist.

Autorin: Anonym

One thought on “Wie es ist, seine Eltern zu verlieren

  1. Wow! Sehr Ehrlicher Und BERÜHRENDER Artikel.
    Ich Habe Meine Mutter Mit 9 Jahren An Brustkrebs Verloren Und Ich Vermisse Sie Immer Noch, Obwohl Sie Schon Länger Tot Ist Als Sie (Für mich) Gelebt Hat. Es Tut Mir leid, Dass Du Beide Eltern Verloren Hast. Das Ist Richtig Scheiße.
    Ich HABE Seit Zwei Jahren Yoga Für MICH Entdeckt UND Mir Hilft Es Unheimlich, Um Meine Seelischen Wunden Heilen Zu Lassen. Vielleicht Ist Es Auch Etwas Für Dich?!?
    Ich Wünsche dir alles Liebe und Gute  
    (Ich HABE Keine Ahnung, Warum Ich Hier Nur In
    Großbuchstaben Schreiben kann)

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