Wie sich eine Angstattacke anfühlt

Alles war gut und dann plötzlich nicht mehr. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Meine schwitzenden Handflächen rieb ich unauffällig an meiner Hose ab, atmete tief durch und versuchte, der Konferenz zu folgen. Doch es wurde bloß schlimmer: Mein Herz drohte mir aus der Brust zu hüpfen. Mein Brustkorb schien immer enger zu werden und meine Lungen zu erdrücken. Mir wurde übel und ich verlor das Gefühl in meinen Händen und Füßen – alles kribbelte, als würde ein Ameisenstamm unter meiner Haut tanzen. Ich sah rot: Wenn du jetzt nicht sofort verschwindest, kippst du um. Hier. Auf der Stelle. Vor all diesen Menschen. „Ich muss an die Luft!“, hörte ich mich rufen und stand plötzlich auf dem Parkplatz.

Das war der Tag, an dem ich meine Angststörung kennenlernte.

Es ist seltsam, wie sich Definitionen im Laufe des Lebens ändern. Früher war „Angst“ für mich dieses diffuse Gefühl irgendwo in der Magengegend. Eine dunkle Ahnung, etwas Unangenehmes könnte mir geschehen. Und wie oft hatte ich nach einer durchlernten Nacht vor der wichtigen Prüfung mit Freundinnen zusammengestanden und darüber geklagt, dass mich eine ach so furchtbare Panikattacke ereilt hätte bei dem Gedanken, so unvorbereitet zu einer Klausur zu erscheinen. „Panik“ war früher einmal Verzweiflung, ganz viel schlechtes Gewissen und das gepaart mit einer mittelgroßen Portion Selbstmitleid, die mit einem großen Becher Eis mit Schokostückchen wieder besänftigt worden ist.

Heute kenne ich Panik als: das Gefühl, jetzt zu sterben. Klingt etwas extrem. Ist aber so. Wenn man zum ersten Mal eine richtige Panikattacke erlebt, eilt man oft zunächst in die Notaufnahme, denn die Symptome sind einer Herzattacke sehr ähnlich. Der Druck auf der Brust, Schmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen können, natürlich dieses furchtbare Herzrasen, die Atemnot, der Schwindel, die Schweißausbrüche. Und zu allem Überfluss kann man kaum noch einen klaren Gedanken fassen, der Kopf ist wie in Watte gehüllt.

Nach der Depression sind Angsterkrankungen die zweithäufigste psychische Störung in Deutschland. 2010 litten 15 Prozent der Deutschen unter einer Form krankhafter Angst. Dazu zählen Phobien, die etwas Konkretes betreffen; Spinnen zum Beispiel. Soziale Phobien kommen unter den Ängsten am häufigsten vor: Unwohlsein in Gegenwart anderer Menschen. Das krankhaft starke Gefühl, da einfach nicht reinzupassen, sich komplett lächerlich zu machen. Dann gibt es da noch die Agoraphobie – Angst vor weiten Plätzen, vor Menschenmengen, vor allem, wo keine sofortige Flucht möglich ist. Und die generalisierte Angststörung, die mir auf der Schulter sitzt und gerade während des Tippens mitliest. „Sie zeichnet sich dadurch aus, dass Sorgen katastrophisiert werden.“, hatte uns die Oberärztin in der Reha erklärt. Sprich: Man grübelt zu viel. Diese ganzen „was passiert, wenn…“-Gedanken nehmen immer ein schlechtes Ende und man sieht nur noch schwarz. Beim Einkaufen. Beim Alleinsein. Beim Zusammensein. Beim Backen. Beim Duschen.

So einfach ist es aber nicht. Bei jedem äußerst sich so eine Angststörung anders – wie es bei den meisten Erkrankungen der Fall ist. Mein Grübeln habe ich heute viel besser im Griff als früher. Meist kommt die Angst einfach so. Alles gut, ich halte eine Tasse Tee in der Hand und sehe mir eine Serie an, aber plötzlich kommt das Herzrasen. Oder. Ich backe Weihnachtsplätzchen, im Hintergrund trällert Johnny Mathis „It’s beginning to look a lot like Christmas“, alles gut, alles entspannt, und da kommt der Schweißausbruch und das Herzklopfen lässt auch nicht lange auf sich warten. Oder. Ich stehe in der Schlange an der Supermarktkasse und freue mich auf das Mittagessen zuhause, als ich merke, wie der Ameisenstamm wieder unaufgefordert meine Arme hinaufzieht. „Nicht hier!“, denke ich dann und mache es so nur schlimmer.

Denn: Die generalisierte Angststörung lebt vor allem von zwei Dingen.

  • Der Angst vor der Angst und der daraus folgenden Vermeidungshaltung.
  • Der Angst davor, dass die Angst von Mitmenschen wahrgenommen und als „nicht normal“
    abgestempelt wird.

Was mir dann hilft: Realisieren, dass ich mich in einer ungefährlichen Situation befinde und es mir doch eigentlich an nichts fehlt. Ich bin gesund. Ich bin schon so oft heil aus der Supermarktschlange rausgekommen – wieso sollte das dann ausgerechnet heute nicht klappen?
Auf keinen Fall sollte man den vermeintlich sicheren Weg der Vermeidung gehen! Dann nimmt sich die Angst immer mehr Lebensbereiche, bis man sich gar nicht mehr aus der Wohnung traut (und da dann rauszukommen, ist ein enormer Kraftakt). Auch wenn ich das Gefühl habe, gleich zusammenzubrechen, gleich in Strömen loszuheulen, oder mich zu übergeben: Ich versuche es weiter. Gehe raus. Setze mich ins Auto. Gehe einkaufen. Anfangs in Begleitung meines Freundes. Dann kurze Strecken allein und allmählich immer weiter weg von der Wohnung.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass andere Menschen sich nie so viele Gedanken um einen machen, wie man es befürchten mag. Die meisten nehmen einen nicht wahr, oder vergessen es innerhalb weniger Minuten. Wenn ich gerade eine verzweifelte Miene ziehe – na und? Das darf ich. Jedem geht’s mal schlecht. Wenn ich den Supermarkt doch fluchtartig verlassen sollte – na und? Dann macht sich jemand vielleicht kurz Gedanken (und hat vielleicht eher Mitleid) und das war es schon. Was soll passieren?

Ich finde, dass man um Hilfe nicht umhin kommt. Und das hat nichts mit Schwäche zu tun. Vielmehr ist es doch mutig, zu seinem Problem zu stehen und mit Experten an der Lösung zu arbeiten, anstatt sich im Bett zu verkriechen.
Mein erster Gang führte mich zur Hausärztin (als ich noch gar nicht wusste, was mit mir nicht stimmte), der zweite zum Psychiater (der einschätzen sollte, was mir fehlte und der die Diagnose „Angststörung“ gestellt hat), der dritte zu meiner heutigen Therapeutin – die mir schon unglaublich geholfen und mein Leben mit ihrem Blick auf Themen, die mich beschäftigen, unheimlich bereichert hat.

Was auch hilft:

  • Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung (funktioniert bei mir am besten
    und es gibt super Anleitungsvideos auf Youtube, zum Beispiel das hier) oder autogenes Training. Nehmt euch täglich einige Minuten dafür Zeit. Auch wenn es euch super geht und die Angst sich nicht meldet – denn je ausgeglichener und ruhiger ihr seid, desto geringer das Angstattackenrisiko.
  • Atemtechniken. Angstpatienten atmen oft zu schnell, zu flach und müssen lernen, ihre Atmung zu beruhigen.
  • Sport, Sport, Sport. Lässt sich nicht oft genug wiederholen. Die Angst staut so viele Stresshormone im Körper auf. Was Sinn macht, denn die Panik bereitet den Menschen auf Flucht oder Kampf vor. Wenn weder das eine noch das andere erfolgt, kann der Körper die Signalhormone nicht sofort verarbeiten und die Anspannung bleibt lange hoch. Darum hilft regelmäßiger Ausdauersport ungemein. Gleichzeitig sinkt das Stresslevel und das Angstrisiko geht zurück.
  • Manchmal sind Medikamente eine sinnvolle Lösung. Darüber müsst ihr mit euren behandelnden Ärzten reden.
  • Konfrontation! Statt Vermeidung. Dabei hilft euch die Psychotherapie.

Wenn die Angst mich heute, acht Monate und einen Rehaaufenthalt später, überkommt, frage ich mich „Was ist das Schlimmste, das jetzt passieren könnte?“ Und dann überlege ich, wie realistisch das ist. Dass mir während der Autofahrt ein Hubschrauber aufs Autodach stürzt? Unwahrscheinlich. Dass ich eine Panikattacke bekomme und unbedingt anhalten muss? Könnte passieren. Und dann? Nichts. Dann halte ich eben an. Wenn es sein muss, auf dem Standstreifen auf der Autobahn. Oder einfach vor einer Ampel und blockiere Kreuzung. Und dann? Nichts. Dann ist das so. Das kann immer mal passieren. Das ist das Leben. Die anderen Autofahrer werden mich verfluchen, um mich herumlenken, mich anhupen, weiterrasen und mich in drei Minuten vergessen haben. Oder aber es steigt jemand aus und bietet mir Hilfe an. Beides Szenarien, mit denen ich leben kann.

Weitere Buchtipps:
Borwin Bandelow: Das Angstbuch: Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann
Doris Wolf: Ängste verstehen und überwinden. Wie Sie sich von Angst, Panik und Phobien befreien
Sigrun Schmidt-Traub: Angst bewältigen: Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie

Gastautorin: Tatjana von Trotzdem Ich

2 thoughts on “Wie sich eine Angstattacke anfühlt

  1. Danke, dass du dich so GEÖFFNET hast. Leider sind angststörungen immer noch ein viel zu grosses tabuthema in unserer gesellschaft und vor allem die betroffenen schÄmen sich immer sehr dafÜr – daher ist es wichtig ins bewusstsein zu rufen, dass es eine krankheit isT wie Jede andere und man sich dafür nicht schÄmen muss! Ich kÄmpfe selber bereits seit einigen jahren damit und habe es lange nicht erkannt bzw. Mich niemandeM anvertraut. Gerade darum finde ich es gut, wenn jemand ANDERES Auf dieses thema aufmerkSam macht. Danke 🖤

  2. Liebe Gastautorin, ich kann das total nachvollziehen was du durchlebst. Ich habe auch sehr schlimme Angstzustände. Ich habe oft Zukunftsängste, dann ist es so, als würde man mir die Kehle zuschnüren. Bleibe ich für immer alleine? Was bringt die Zukunft meiner Tochter? Dieses Kopfkino macht einen so wahnsinnig. Ich wurde so oft in meinem Leben enttäuscht, so dass ich es inzw. vorziehe für mich allein zu sein. Denn ich habe solche Angst vor erneuten Konflikten. Ich habe Angst vor Streitereien. Ich bekomme so ähnliche Symptome wie du (z.B. Herzrasen, Angst die Wohnung zu verlassen) und dieses Kopfkino geht nicht weg. Ich steigere mich in diese Situationen rein und schaffe es nicht so richtig rauszukommen. Es ist es heftig, in der größten Stadt Deutschlands so allein zu sein. Aber es dient zum Schutz.

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